Stressbewältigung: Worum es geht.

Derzeit gibt es in vielen Arbeitsbereichen überdurchschnittlich hohen Stress. Sei es, dass das Krisenmanagement tagtäglich zu viele Aufgaben nach sich zieht ist, sei es der hohe Personalausfall oder existenzielle Sorge. 

Im SupervisionsImpuls sprechen Lioba Heinzler und ich darüber, wie Stress sich zeigt, wie er sich individuell aber auch im Miteinander auswirkt. Wir geben Anregungen zur Stressbewältigung. Und am Schluss gibt es noch eine  Atemübung, mit der wir Stress stoppen können, bevor er uns zu kontrollieren beginnt.

Hier sehen Sie das ganze Gespräch.

Sie lesen lieber? – Dann hier die Zusammenfassung.

1. Stressbewältigung: Eine aktuelle Geschichte 

Eine Coaching-Klientin von mir, Seelsorgerin in einer Klinik, war von einer Patientin gerufen worden und wollte sie besuchen. Eine Krankenschwester verwehrte ihr wegen des Besuchsverbots den Zutritt zur Station. Die Seelsorgerin versuchte ihr minutenlang begreiflich zu machen, dass sie zur Klinik gehöre und von einer Patientin angefordert worden sei. Die Krankenschwester wiederholte immer wieder nur: “Es gibt ein Besuchsverbot, Sie können hier nicht rein”. 

Es dauerte tatsächlich mehrere Minuten bis die Worte der Seelsorgerin bei der Krankenschwester durchdrangen.

Das Interessante war dann ihre Reaktion:. Sie sagte nicht, wie man es vielleicht erwarten könnte, im lächelnden Erkennen, etwas Einlenkendes etwa: ” Ach soooooo, das hatte ich gar nicht nicht verstanden, so viel Stress hier, aber klar, kein Problem, kommen Sie ein ,…“

Nein.

Sie sagte lediglich kurz und unwillig:  “Ja, und, warum gehen Sie dann nicht rein …?” –

Um Missverständnissen vorzubeugen:

Es geht nicht darum, die Situation oder das Verhalten der Krankenschwester zu beurteilen oder zu kritisieren. Sie hatte sicher gute Gründe für ihre Reaktion. Wir wissen nicht, was vorher und Drumherum los war, und welche Aufträge sie bekommen hatte. Die Kliniken arbeiten derzeit an der Belastungsgrenze und weit darüber hinaus. Allen im Gesundheitswesen gebührt höchster Respekt in dem, was sie leisten.

Aber dieses Beispiel ist sehr aufschlussreich, wenn wir über Stress und Stressbewältigung sprechen.

2. Stressbewältigung: Die zwei Seiten der Wahrnehmungsfokussierung 

Die Krankenschwester war vermutlich sehr vereinnahmt von ihrer Aufgabe und darauf fokussiert, einen sicheren und störungsfreien Ablauf  zu gewährleisten.

1) Die Komplexität der Situation auf das Allernötigste reduzieren

Diese, dem Menschen eigene, hohe Kompetenz, ist vor allem im Notfall und Krisensituationen sehr wichtig. Zum einen wissen wir alle, dass die Kliniken, neben einigen anderen Bereichen, derzeit mit die größte Stressbelastung haben. Alle Mitarbeitenden im Gesundheitswesen sehen täglich schwerkranke oder auch sterbende Patienten, müssen andauernd umorganisieren, haben in eigenen Reihen hohe Personalausfälle und leben mit dem Risiko, selbst zu erkranken oder oder eine Erkrankung nach Hause zu schleppen. Das geht überhaupt nicht, ohne sich immer wieder vielem gegenüber abzuschotten.

Nur durch sehr fokussiertes und strukturiertes Vorzugehen ist es möglich, effizient und kräfteschonend sein Ziel zu erreichen, im Beispiel: die Besucher draußen zu lassen. Denn effizient war es: Die Seelsorgerin hatte zunächst keine Chance, an der Krankenschwester vorbei zu kommen.

Gerade wenn wir uns ganz besonders konzentrieren, können wir Wesentliches übersehen.

Kennen Sie das „Gorilla-Experiment“?

Dieses Phänomen ist auch wissenschaftlich als „Unaufmerksamkeits-Blindheit“ bekannt. In einer Studie von Chabris & Simons 1999 wurde in dem berühmt gewordenen „Gorilla-Experiment“ nachgewiesen, wie sehr eine fokussierte Aufmerksamkeit dazu führen kann, dass wir selbst auffälligste Erscheinungen nicht wahrnehmen.

Lust, es auszuprobieren?

Hier ist das Video dazu: Achten Sie ausschließlich darauf, wie oft sich die Personen den Basketball zupassen!

Video (Englisch): https://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo

Und – Haben Sie den schwarzen Gorilla bemerkt? Keine Sorge, wenn Sie ihn übersehen haben. Mehr als die Hälfte aller Menschen, die sich dieses Video ansehen, geht es so.

Das liegt an der Arbeitsweise unseres Gehirns. Es filtert ständig, welche Informationen für uns relevant sind und welche weniger. Erst durch unsere Aufmerksamkeit werden uns Informationen bewusst oder auch nicht.

2)  Der Tunnelblick

Fokussieren ähnelt dem Vorgang, den wir vom Fotografieren kennen: Wenn wir die Blende sehr eng stellen, sehen wir einen kleinen Ausschnitt sehr scharf, und den Rest verschwommen. Um mehr Schärfen-Tiefe zu bekommen, müssen wir die Blende weiter öffnen. So ähnlich ist es auch mit der Wahrnehmung. Wenn wir sehr eng fokussieren, sehen wir diesen Bereich sehr genau und sehr gut, alles andere bleibt unscharf und im Hintergrund.

Insbesondere das Fokussieren im Stress kann zu einem Problem-Tunnelblick führen. Es kommt nur das an, was in den engen Fokus passt. Zusätzliche Informationen bleiben außen vor. Das Denken kreist um einen Aspekt und krallt sich daran fest.

Im Tunnelblick:

  • Blenden wir Informationen aus, die eigentlich wichtig wären für die Situation, und die sogar manches erleichtern oder lösen würden,
  • blenden wir Zwischentöne in Bezug auf die anderen Menschen aus, und nehmen subtile Signale und Botschaften nicht mehr wahr,
  • spüren wir uns selbst nicht mehr und verlieren das Gefühl dafür, was uns guttut und was nicht,
  • kann es leicht passieren,  die eigenen Grenzen zu überrennen und sich zu verausgaben. Und irgendwann zieht dann der Körper die Notbremse,
  • verlieren wir unsere wichtigste Ressource, den Humor. Das befreiende Erkennen, dessen, was sich da gerade abgespielt hat,  die Überraschung, die Komik der Situation, das gemeinsame Lachen, das Lachen über sich selbst, all das würde sofort den ganzen Stress,, wegwischen und den Körper in einer Sekunde entspannen. Humor gibt Abstand und weitet ganz von selbst.

Humor ist der Regenschirm der Weisen.

– Erich Kästner

3. Stress-Tunnelblick: Warum wir manchmal daran festhalten

Festhalten am Stress? Warum sollten wir das tun, wenn er doch nur Nachteile hat?

Weil er uns auch gewisse Vorteile bietet. Welche schauen wir uns an:

  • Im Stressmodus wird Dopamin ausgeschüttet,  wir geraten in einen “Dopamin-Rausch” und werden süchtig nach diesem intensiven Gefühl. Das heißt, Stress wirkt wie eine Droge und kann auch wie eine Droge macht süchtig machen.
  • Der Stress/Problem-Tunnelblick gaukelt uns vor, höchst wirksam und leistungsfähig zu sein – was wir aber gar nicht mehr sind – wir merken es nur nicht.
  • Im Moment treiben uns ja nicht nur schöne und angenehme Gefühle um: „Ich fühle mich erschöpft“, „Ich sorge mich um meine Gesundheit“, „Ich fühle mich aufgerieben, angespannt, mein Kopf  ist ein einziges Gedankenkarussell“, „Ich bin wütend auf  die Leitung, die Geschäftsführung, das  System“, „Ich kann kurzfristig nichts ändern, ich fühle mich ohnmächtig und hilflos …
  • Es kann kurzfristig leichter und subjektiv ökonomischer erscheinen, wenn wir es gar nicht erst fühlen.. Der Tunnelblick hilft dabei. Dafür müssen wir uns aber von der kompletten Gefühlswelt abtrennen, mit der Folge, dass dann auch alles andere nicht mehr richtig gefühlt werden kann, Lebensqualität geht verloren, und die Gesundheit leidet

4. Stressbewältigung: Regeneration und Kraftquellen 

Um bei großem Stress auch langfristig gesund und handlungsfähig zu bleiben, braucht es die Fähigkeit für eine gute Balance zwischen Anspannung ( Sympathikus, Aktion und Leistung)  und Entspannung  (Parasympathikus, Ruhe- und Erholung) sorgen zu können. Ist der Parasympathikus aktiv, regeneriert sich der Körper, verdaut alles am besten und baut Reserven auf.  

In unserer aktivitäts-und leistungsbetonten Welt wird durchgehend der Sympathikus angesprochen. Wir müssen uns daher ganz bewusst um den Parasympathikus kümmern. Dieser lässt sich nicht aktivieren, sondern braucht einen heruntergefahrenen Sympathikus, um mehr Einfluss zu bekommen.

Kenntnisse darüber, wie der Sympathikus herunterreguliert und der Parasympathikus mehr Raum bekommen kann, nennt man „Regenerative Stresskompetenz“. Dazu gehört auch, seine eigenen Kraftquellen zu kennen und zu wissen, wodurch und wie man am besten sich entspannen kann.

Dafür gibt es viele individuelle Wege:

  • Sport/Bewegung: gemütlich Spazieren gehen, Ausdauersport, Tanzen oder Yoga.
  • Ruhe/Kontemplation: Manche Menschen bekommen den Kopf wieder frei, indem sie auf dem Sofa sitzen und gar nichts tun, schlafen, einfach in die Gegend schauen oder meditieren
  • Wärme oder erfrischende Kühle: Warmes Wasser, Sauna und Dampfbad oder Spaziergänge und Durchatmen in der frischen Luft, erfrischende Bäder im Freien 
  • Manuelles: Kochen, Basteln, Handwerken, Gartenarbeit: Intellektuell-musische Betätigung: Das Spektrum reicht von Musik und Lesen über Spielen und Theaterbesuche bis zum Studium aus reinem Interesse.
  • Kontakt oder auch Alleinsein: Manchen tut die Familie gut, ein Gespräch mit einer Freundin oder auch virtuelle Begegnungen. Andere  tanken besonders gut auf, wenn sie alleine sind. 
  • Humor und Lachen, Lachyoga, Filme …
  • Musik hören 
  • Tiere: Katzen streicheln, mit dem Hund spazieren gehen, Reiten … für viele Menschen sind Tiere  eine wichtige  Quelle der Freude und des Glücks. 
  • Der Wald, die Natur an sich sind für viele die ultimative Erholung. 

5. Stressbewältigung: Die Anti-Stress-Atmung 

Am Schluss eine schöne Atemübung, mit der wir Stress stoppen können, ehe er die Kontrolle übernimmt. Das langsame tiefe und kontrollierte Ausatmen senkt die Aktivität des Sympathikus, und der Parasympathikus gewinnt dadurch mehr Einfluss. Es unterstützt Entspannung, Ruhe und Regeneration. 

Prinzip: die automatischen Abläufe in stressigen Situationen unterbrechen

Wenn sich ein Stressgefühl breitmacht, oder wenn Sie wissen, dass eine herausfordernde Situation auf Sie zukommt, dann konzentrieren Sie sich für einige Momente ganz auf Ihre Atmung.

  1. Legen Sie die Hände auf den Unterbauch, die Spitzen der Daumen auf dem Bauchnabel.
  2. Tief einatmen, so tief wie es geht, mindestens für 3 bis 4 Sekunden.
  3. Den Atem mit voller Lunge einen Moment anhalten, spüren, wie sich der Druck ausdehnt.
  4. Dann die Ausatmung kontrolliert und so langsam wie möglich durch die halb geschlossenen Lippen ausströmen lassen … Pffffffffffffffffffffff. ………………. Am Ende noch mal den Rest pfffff, pffffff, pffffff … bis die Lunge richtig leer ist.
  5. Die Einatmung kommt dann wie von selbst.
  6. Das Ganze wiederholen,
  7. Spüren, wie der Atem von selbst immer tiefer und langsamer wird, und es innen immer ruhiger wird.
  8. Solange es angenehm ist, oder bis die Bereitschaft wieder das ist, sich dem, was ansteht zuzuwenden.

Schon drei bis fünf Wiederholungen können ausreichen. Es lässt sich fast überall einbauen und dauert nicht lang, hat aber einen großen Effekt. 

Stressbewältigung: Resümee

  • Jeder von uns kann in dieser Zeit in Stress geraten. Viele sind in ihrer Lebens- oder Berufssituation besonders belastet.
  • Im Stress fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit, reduzieren damit Komplexität, und können sehr strukturiert und effektiv sein.
  • Den Fokussieren im Stress kann aber auch zu einem Problem-Tunnelblick führen.
  • Wir blenden dann Informationen aus, die zur Problemlösung beitragen würden, oder produzieren neue Probleme.
  • Regenerative Stresskompetenz ist wichtig, um sich selbst aus dem Stress-Modus holen zu können. Dazu gehört es zu wissen, wie im eigenen Leben eine gute Balance zwischen Anspannung und Entspannung etabliert werden kann, und wo es Kraftquellen gibt.
  • Hilfreich ist auch, mit Empathie und Verständnis aufeinander zu reagieren, wenn wir merken, dass unser Gegenüber gerade im Stress-Tunnel ist. Wertschätzende oder humorvolle Entgegnungen helfen Spannungen aufzulösen.

Haben Sie Fragen? Brauchen Sie Klarheit zu einem Thema? Melden Sie sich gern!

Oder buchen Sie ein kostenloses Mini-Coaching Im Gespräch kann ich Ihnen helfen, mehr Klarheit und Ruhe in Ihre Chaos- oder Krisensituation zu bringen. Und je klarer und ruhiger Sie sind, desto effizienter wird Ihr Tun und desto mehr Klarheit und Sicherheit bringen Sie in Ihre Umgebung. Es ist kostenfrei und ohne Verpflichtungen.

Ich bin Mediatorin, zertifizierte Klärungshelferin und Supervisorin und helfe Ihnen gerne dabei Ihre Themen zu lösen.

Herzlichst

 

 Weiterlesen:

  1. https://kerstin-pletzer.de/fuehrungskraft-im-chaos-handlungsfaehig/

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