5 typische Denkweisen, die Ihnen im Konflikt nicht weiterhelfen

Seitdem ich Konflikte in der Arbeitswelt kläre, erstaunt es mich, wie lange Beteiligte abwarten und leiden, bevor sie sich Hilfe holen. 

In der klassischen Organisation und im Unternehmen ist es die Aufgabe der Führungskräfte für Konfliktregelung zu sorgen. Sie haben den Abstand und die Rolle, können eingreifen, die Betroffenen unterstützen, ihren Konflikt zu klären, und eventuell externe Hilfe beschaffen. 

Bei Gesellschaftern oder Kooperationspartnern ist das anders: Sie haben niemanden vor oder über sich. So ist es auch gut für Sie. Zumindest so lange alles glatt läuft. 

Aber was, wenn es einmal richtig hakt? 

Dann gibt es niemanden, an den Sie sich wenden können. Der veranlassen könnte, dass eine faire Aussprache stattfindet. Oder der externe Hilfe organisiert. 

Das müssen Sie selbst leisten! Möglichst früh und initiativ. In einer Situation, in der der Kontakt zwischen Ihnen nicht mehr entspannt und selbstverständlich ist. 

Eine Hürde dafür sind bestimmte konfliktttypische Denkmuster. Sie verhindern, dass Sie ruhig und gelassen ein klärendes Gespräch mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin initiieren können.

 

In diesem Artikel möchte ich fünf dieser Denkweisen beschreiben, die dafür sorgen, dass der Konflikt sich verlängert. Was meistens auch heißt: verschärft. 

Mein Ziel ist es, Sie zu entlasten, und ihnen zu zeigen, dass dieses Denken zwar „normal“ ist,  es aber nicht Ihre Handlungen leiten sollte. Denn es wird schwerer, je länger Sie warten.

Und Ihnen statt dessen alternative Denkweisen anbieten, die Sie eher zu einer Lösung führen.

# 1 – „Das müssen wir selbst schaffen.“

Wahlweise auch: „Das muss ich selbst schaffen. „

Nein. Weder müssen noch können Sie das selbst schaffen. Auch wenn Sie gut ausgebildet sind, sich mit Kommunikation und Gesprächsführung auskennen, vielleicht sogar andere bei Konflikten beraten. Im eigenen Konfliktfall ist das alles nur bedingt eine Hilfe. Oft werden einfach nur die „Waffen“ ausgefeilter und raffinierter.

Denn: Alles was Sie tun, und wie Sie den anderen wahrnehmen, steht und fällt mit der Art Ihrer Beziehung. Das heißt, damit, wie Sie sich vom anderen gesehen und behandelt fühlen, wie sicher Sie sich fühlen, wie Sie sich vertrauen, wie offen Sie miteinander sein können.

Das ist alles im Konflikt in Frage gestellt. Nichts ist mehr entspannt und vertrauensvoll. Jeder Satz, jedes Verhalten kann sich in eine Kampfansage verwandeln. Unabhängig davon, ob Ihnen das passiert, weil IHR Ärger durchschlägt. Oder ob der Andere es so auffasst, weil SEIN Ärger durchschlägt. In einem eigenen Konflikt brauchen Sie Moderation, damit Sie sich mit Ihren Themen beschäftigen können, ohne permanent um die Gesprächshoheit zu ringen.

Hilfreiche Denkweisen:

  • Es ist professionell, sich Hilfe zu holen.
  • Es zeigt Kompetenz, sich Hilfe zu holen.

# 2 – „Ich möchte mir keine Abfuhr abholen.“

Auf den anderen zuzugehen, und ein Problem mit der Zusammenarbeit anzusprechen, ist nicht einfach. Was, wenn der Andere süffisant lächelnd sagt: „Du hast ein Problem? Gut, dass du es endlich einsiehst …“ Damit geht der Konflikt in die nächste Runde …

Die Angst vor Abweisung und Demütigung muss erst einmal überwunden werden. Und die Vorwegnahme, dass es beim anderen als Schwäche ankommen und ihm geradezu weitere Munition liefern könnte. Natürlich kann das alles passieren. Weil im Konflikt sind nichts mehr neutral ist. Weil jedeR auf der Hut ist und alles auf dem Hintergrund der Spannungen deutet. 

Hilfreiche Denkweisen:

  • Ich traue mich, um eine Klärung im Beisein eines unabhängigen Dritten zu bitten.
  • Ich nehme die Reaktion nicht persönlich.
  • Ich vermittle meinen aufrichtigen Wunsch, dass sich etwas verbessern möge. 
  • Ich vertraue darauf, dass meine Anfrage etwas bewirkt, wenn auch nicht sofort.

Weil einer den ersten Schritt tun muss. 

Weil es sonst schlimmer wird. 

Weil Sie damit das Konfliktmuster unterbrechen

# 3 – „Das ist doch alles peinlich.“

„Alle kennen uns als Top-Team. Nicht auszudenken, wenn unser Netzwerk davon erfährt, unsere Kunden …“ Dahinter stehen unbewusste oder auch bewusste Schamgefühle. Sie begleiten Konflikte sehr häufig. Es gibt dabei zwei Ebenen:

  1. Die Scham darüber, überhaupt in einen Konflikt geraten zu sein. Es fühlt sich an wie versagen, unfähig oder falsch sein: Wir haben uns doch gut verstanden. Was läuft denn falsch? Warum kann ich es, trotz aller Lebenserfahrung und Kompetenz, nicht lösen?
  2. Die Scham über das eigene Verhalten im Konflikt. „Außer sich“ zu sein oder paralysiert, unfähig zu reagieren. nicht souverän und gelassen, sondern verletzt, sprachlos, den Tränen nah oder verwirrt. Das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben vor dem Partner, dem Team. Sich gezeigt sich zu haben, wie Sie es dem eigenen Selbstbild nicht entspricht. 

Schamgefühle sind diffus, klebrig und sehr mächtig. Sie kratzen am Selbstwert. Sie schwächen die Kraft, sich in sozialen Beziehungen zu entfalten und den eigenen Teil einzubringen.

Dieser Teil ist für eine Klärung aber notwendig. Erst im Zusammenspiel beider Sichtweisen entstehen Lösungen.

Schamgefühle unterstützen auch die Tendenz von Punkt #1. Indem man weiter versucht alles selbst in den Griff zu bekommen, muss man sich nicht beschämt und ohnmächtig fühlen. Das ist aber ein Trugschluss.

Hilfreiche Denkweisen:

  • Konflikte sind normal.
  • Wenn nichts passiert, passiert auch sonst nichts. 
  • Einen Konflikt zu haben heißt Mensch zu sein.

# 4 – „Eine offene Klärung stehe ich jetzt nicht mehr durch“

Wenn Sie diesen Gedanken haben, befinden Sie sich in einem Konflikt-Teufelskreis. Je länger Sie mit einer Klärung warten, desto mehr Konfliktstoff sammelt sich an. Der tägliche Kleinkrieg entzieht Ihnen wiederum Energie, die Sie für eine Aussprache brauchen. Kopf-In-Den-Sand-Stecken und Aushalten ist nur eine kurzfristige Lösung. 

Die Probleme sind da. Der Ärger ist da. Und macht empfindlich. Beim geringsten Anlass ist alles wieder auf dem Tisch, und jedes Mal wird es verzwickter.

Es ist nicht einfach, aus sich heraus diese Dynamik zu unterbrechen und einen ersten Schritt zu tun. Je länger sie schon besteht desto schwieriger. Es bedeutet, sich in einer unsicheren, angespannten Situation zu outen, offen zu sagen,  ein Problem mit der Zusammenarbeit zu haben. Ohne die Sicherheit auf eine positive Reaktion des anderen. 

Wenn sich beide so verschanzen, werden die Gräben immer tiefer, die Mauern immer höher. 

Tatsächlich ist eine Aussprache umso schwieriger, je länger man damit wartet. Es ist aber das einzige, das möglich ist, wenn Sie nicht wollen, dass irgendwann der Markt oder das Leben für Sie entscheiden. 

Es geht nicht anders. EineR muss den ersten Schritt tut und das bisherige Wechselspiel unterbrechen. Und einen Vorschlag machen, der in eine andere Richtung geht. Und dran bleiben.

Hilfreiche Denkweisen:

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als Jetzt. Heute. Hier.

Es ist in Ordnung, wenn ich mir dazu Unterstützung hole.

# 5 – „Ich habe Sorge, dass wir keine Lösung finden“

Tatsächlich erscheint es im Konflikt oft so, als sei alles schon versucht, gedacht, besprochen. Als gebe es keine Lösung. 

Fast immer gibt es in der Vorgeschichte von Konflikten von jedem schon kleinere und größere Ansätze etwas zu klären. Typisch ist, dass in der angespannten Situation Lösungsversuche wechselseitig gar nicht erkannt oder sogar als Angriff erlebt werden. So zum Beispiel wenn einer ein Problem vorsichtig anspricht, nicht die erhoffte Reaktion erlebt und sich dann entmutigt zurückzieht. WAs der Andere vielleicht als Desinteresse oder Beleidigten interpretiert.Ein typischer Teufelskreis. Gleichzeitig summieren sich auf beiden Seiten Ärger und die scheinbare Bestätigung, dass es nicht zu klären ist. Und mit der Zeit wird der Tunnel immer enger.

Dieser Satz spiegelt also nicht die Realität, sondern den Konflikttunnel: Die Wahrnehmung ist verengt und verstellt den Blick .Aus dieser Position heraus lässt sich nicht erkennen, was tatsächlich möglich ist.

Es geht nicht darum, schon vorher ein Ergebnis absehen zu können, sondern sich trotz der Sorge auf den Klärungsprozess einzulassen. 

Sehr gut gefällt mir in diesem Zusammenhang immer:

„You have to do it scared“ 

Hilfreiche Denkweisen:

Es gibt immer eine Lösung.

Der Weg geht hindurch, nicht drumherum.

Fazit:

Die gezeigten Denkweisen sind typisch, wenn man in einem Konflikt steckt. Sie sind Ausdruck des Konfliktstresses und keine guten Ratgeber.

Sie führen dazu, dass Sie nicht in Ihrer Kraft und Souveränität sind und dass der Konflikt weiter besteht oder sich verstärkt.

Wenn Sie solche Gedanken bei sich registrieren, sollten Sie sie schlicht als Hinweisgeber ansehen, die Sie auf ein Problem aufmerksam machen.

Und dafür sorgen, dass Sie sich wieder souverän fühlen und aus dieser Position heraus eine Klärung initiieren können. 

Haben Sie etwas wiedererkannt? Welche Denkweisen helfen Ihnen im Konflikt?

Ich freue mich über Ihre Erfahrungen, Kommentare oder Fragen.

Herzlichst

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