Du wurdest betrogen. Vielleicht in deiner Beziehung. Vielleicht von jemandem, dem du wirklich vertraut hast. Vielleicht ist es noch ganz frisch oder schon eine Weile her, aber der Schmerz ist geblieben. Und vielleicht fragst du dich gerade, ob du je wieder klar denken kannst. Ob diese Gefühle irgendwann nachlassen. Oder für immer bleiben.
Betrogen zu werden, reißt etwas ein. Nicht nur in der Beziehung – sondern mitten durch dein Innerstes. Gefühlswellen: Wut, Scham, Kränkung, Verzweiflung. Das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und die Angst, nie wieder ganz zu werden.
Wenn du dich in dieser Phase befindest, in der alles zu viel ist und nichts Halt gibt – dann ist dieser Artikel für dich.
Ich möchte dir zeigen, was in dir passiert. Warum es so weh tut. Warum Gefühle wie Wut oder Misstrauen manchmal stärker scheinen als du selbst – und warum das kein Zeichen von Schwäche ist. Ich möchte dir verständlich machen, wie eng diese Reaktionen mit deinem Selbstwert, deinem Vertrauen in dich selbst und vielleicht sogar mit alten, unbewussten Verletzungen zusammenhängen.
Und ich möchte dir einen Weg zeigen: wie du heilsam mit dieser Wucht umgehen kannst. Nicht, um sie zu verdrängen. Sondern um durch sie hindurch wieder bei dir anzukommen. Weil Vertrauen nicht beim anderen beginnt. Sondern bei dir.
1. Wenn Gefühle dich überrollen
Vielleicht hilft gerade gar nichts. Kein Gedanke, kein Gespräch, kein guter Rat. Vielleicht weinst du, obwohl du nicht willst. Vielleicht möchtest du schreien, obwohl du keinen Laut herausbekommst. Oder du fühlst dich wie taub, und das macht dir am meisten Angst.
Wenn du betrogen wurdest, trifft dich das dort, wo du am verletzlichsten bist: in deinem Vertrauen, in deinem Gefühl von Sicherheit, in dem Bild, das du von dir selbst und von der Beziehung hattest. Und genau deshalb geraten so viele Gefühle durcheinander.
Wut, Kränkung, Scham, Angst, Trauer, Kontrollbedürfnis – sie kommen oft gleichzeitig, in Wellen, in Schüben, in Rückfällen. Und manchmal reicht ein einziger Moment, ein Geruch, ein Geräusch, ein Bild und alles ist wieder da, als wäre es gerade geschehen.
Diese Phase fühlt sich für viele wie ein emotionaler Ausnahmezustand an. Und sie ist es auch. Du bist nicht schwach, weil du nicht funktionierst. Du bist nicht instabil, weil du gerade an nichts anderes denken kannst, sondern einfach ein Mensch, der etwas verloren hat, das ihm wichtig war: sicheren Boden unter den Füßen.
Viele in dieser Phase glauben, dass es so bleibt. Dass diese Intensität nie aufhört. Aber das stimmt nicht. Gefühle bleiben nicht, wie sie sind. Sie verändern sich, wenn du sie nicht festhältst. Wenn du ihnen Raum gibst, ohne dich in ihnen zu verlieren.
2. Warum es so weh tut.
Der Psychiater Samuel Widmer hat ein Modell entwickelt, das erklärt, warum manche Erfahrungen so tief gehen: das sogenannte Kern-Schalen-Modell. Es beschreibt, wie sich unsere Persönlichkeit im Laufe des Lebens aufbaut – und wie wir lernen, uns zu schützen.
Das Kern-Schalen-Modell
Tief in uns drin ist unser Wesenskern. Mit ihm kommen wir auf die Welt. Ein innerer Ort von Lebendigkeit, Vertrauen, Lebensfreude.
Dieser Kern ist dein Ursprungs-Zustand. Das, was du warst, bevor du lernen musstest, vorsichtig zu sein.
Um diesen Wesenskern zu schützen entwickeln wir als Erstes die sogenannte Weh-Schicht. Das sind Schmerz, Ohnmacht, Verzweiflung, Weh-Gefühle, die wir alle in unseren ersten Lebensmonaten an erlebt haben, wenn unsere wichtigen Bezugspersonen vielleicht für einen Moment nicht da waren, oder wichtige Bedürfnisse nicht erfüllen konnten.
Um diese Gefühle nicht spüren zu müssen, entwickeln wir als Nächstes eine schützende Abwehrschicht, in Form von abwehrenden Gefühlen, wie Aggression und Wut.
Da wir aber auch die Erfahrung machen, langfristig nur mit Aggression und Wut nicht weiterzukommen, entwickeln wir eine weitere Schicht, die sogenannte Anpassungsschicht. Sie hilft dabei, uns an Bedingungen anzupassen, die wir nicht ändern können. Sie kann aber auch mit sich bringen, dass wir Gegebenes nicht wahrhaben wollen, verleugnen oder verdrängen.
Betrogen zu werden, durchstößt all diese Schichten. Es überrennt unsere Schutzmechanismen, unseren alten Schmerz und unsere tiefste Verletzlichkeit.

Deshalb fühlt es sich so an, als würde etwas in uns einstürzen. Nicht nur das Vertrauen in den anderen, sondern auch das Vertrauen in uns selbst. Unsere Selbstverständlichkeit. Unseren Selbstwert.
Vielleicht haben wir uns stark gefühlt, und plötzlich zweifeln wir an allem. Vielleicht erkennen wir uns kaum wieder.
All das ist kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt. Es ist ein Zeichen dafür, dass etwas sehr Kostbares in uns berührt wurde. Und dass wir, vielleicht zum ersten Mal wieder, Zugang bekommen zu einem inneren Ort, den wir lange nicht betreten haben, und den wir lange vermieden haben, den Bereich existenzieller Weh-Gefühle (Samuel Widmer).
Aber du musst wissen:
Hinter diesem Schmerz und Weh–Gefühlen liegt unser lebendiger unzerstörbarer Kern: unsere Liebe, unsere Lebensfreude und Lebenskraft. Und vielleicht entdecken wi diesen Kern genau durch das Geschehene wieder.
So beginnt Heilung oft: nicht mit einem guten Gefühl, sondern mit einem echten. Und der Möglichkeit, zu spüren, was da wirklich in dir lebt – unter der Wut, unter dem Schmerz, unter dem, was uns gerade überrollt.
Emotionen
Emotionen sind biochemische Reaktionen in Bezug auf eine äußere Situation, die wir als angenehm oder unangenehm erleben. Sie entstehen in unserem Nervensystem, bewegen sich durch unseren Körper und flauen nach ca. 90 Sekunden von selbst wieder ab.
Ge-Fühle sind Emotionen, für die wir einen Namen haben: Ärger, Wut, Frustration, Enttäuschung.
Ein wichtiger Punkt im Umgang mit Emotionen ist es, sie zu fühlen, zu benennen und zu differenzieren. Wenn du dir sagen kannst: „Aha, da ist Wut …“ hast du schon ein bisschen mehr inneren Abstand, und das Gefühl hat dich nicht mehr so im Griff.
Wenn wir betrogen wurden, ist das oft nicht so einfach. Es scheint alles gleichzeitig da zu sein.
Schauen wir uns deshalb schwierige Emotionen einmal einzeln an.
Kränkung
Kränkung ist heimtückisch, kriecht unter die Haut. Sie trifft dich dort, wo du dich sicher geglaubt hast. Du hattest Erwartungen, Hoffnungen, vielleicht auch ein Idealbild von der Beziehung – und plötzlich zerbricht dieses Bild. Kränkung geht an deine Würde, greift dein Selbstbild an. Sie stellt infrage, ob du genügst, ob du wichtig warst oder je gesehen wurdest.
Wut
Wut ist oft die erste Emotion, die sichtbar wird. Sie ist pure Energie: laut, direkt, explosiv. Wut schützt, will aufstehen, sich wehren, klarstellen, dass das so nicht geht. Sie gibt kurzfristig das Gefühl, handlungsfähig zu sein – gerade dann, wenn du dich innerlich ohnmächtig fühlst.
Scham
Scham ist klebrig, fies: Sie greift die Würde an und das Gefühl der Zugehörigkeit. Vielleicht gibt sie dir das Gefühl, dich selbst nicht mehr anschauen zu können. Vielleicht lässt sie dich klein und verzagt werden, zurückziehen oder verstummen. Sie kann sich zeigen in Gedanken wie: „Wie konnte ich das nicht merken?“, oder „Warum habe ich mich so verletzlich gemacht?“ Scham lässt dich an dir selbst zweifeln – als wärest du mitverantwortlich für das, was dir passiert ist.
Verzweiflung
Verzweiflung kommt oft dann, wenn keines dieser Gefühle mehr Halt gibt. Wenn du nicht mehr weißt, wie es weitergehen soll. Wenn alles in dir sich eng und leer zugleich anfühlt. Wenn du keinen Weg siehst, weder zurück, noch nach vorn.
Trauer und Verlustangst
Betrogen zu werden, kann uns in Kontakt bringen mit dem Gefühl, als ob etwas in uns oder in der Beziehung gestorben ist. Auch, wenn man es zunächst weiter miteinander versucht. Aber es ist ein Abschied, von dem, was war und dem, was hätte sein können. Und vielleicht auch von einem Teil von dir selbst.
All diese Gefühle können auch körperlich spürbar sein als Kloß im Hals, Druck auf der Brust, Zittern, Herzrasen, Atemnot.
Sie sind nicht falsch. Sie sind eine Antwort auf etwas, das tief erschüttert wurde. Und sie sind oft widersprüchlich – Wut und Sehnsucht, Stolz und Bedürftigkeit, Hoffnung und Abwehr.
Das Schwierige ist: Viele dieser Gefühle greifen nicht nur in die aktuelle Situation hinein. Sie können auch frühere Erfahrungen oder Verletzungen triggern. Und manchmal reagieren wir aus diesem Grund noch stärker, als der Anlass vermuten lässt – weil da etwas in uns berührt wurde, das viel älter ist als der Moment.
Heilsam ist nicht, diese Gefühle „wegzubekommen“. Heilsam ist es, sie wahrzunehmen, zu verstehen, wofür sie stehen und ihnen Raum zu geben, ohne dich in ihnen zu verlieren.
3. Was nicht hilft
Wenn du betrogen wurdest, ist es nur allzu verständlich, dass du nach Halt und Sicherheit suchst. Nach etwas, das dir Kontrolle zurückgibt. Oder wenigstens Orientierung.
Und dass du aus dem Grund zu Strategien neigst, die diesen Bedürfnissen entsprechen, dir aber nicht wirklich helfen
Sie geben dir kurzfristig das Gefühl von Sicherheit und ziehen dich dabei immer tiefer in eine innere Unfreiheit.
Kontrollsucht
Vielleicht merkst du, wie dein Blick argwöhnischer wird. Wie du beginnst, das Handy des anderen zu checken, Nachrichten zu durchforsten, Hinweise zu deuten. Du willst Gewissheit und findest doch keine Ruhe. Denn Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Kontrolle lindert die Angst für einen Moment und sie nährt sie zugleich. Und sie engt ein. Dich und den anderen.
Die Opferrolle als Schutz
Wenn dir Unrecht geschehen ist, hast du jedes Recht auf Schmerz, auf Wut, auf Rückzug. Doch wenn du beginnst, dich dauerhaft als Opfer zu sehen, gibst du dir selbst keine Chance mehr. Du wirst reaktiv, misstrauisch und starr. Und irgendwann verlierst du den Kontakt zu dem Teil in dir, der gestalten könnte, der heilen möchte. Und der wählen kann, wie es weitergeht.
Argwohn als Dauerzustand
Manche Menschen bleiben in einer Art innerem Alarmzustand. Sie erwarten jederzeit einen neuen Schlag. Eine neue Lüge. Einen neuen Beweis dafür, dass der Andere -oder niemand – wirklich ehrlich ist. Diese Haltung schützt vor Enttäuschung, aber sie verhindert auch Nähe. Wenn du in ständiger Alarmbereitschaft lebst, hat keine Beziehung genug Raum, um sich neu zu entwickeln. Auch nicht die zu dir selbst. In der Unsicherheit bleibt dir nur noch mehr Kontrolle, ein perfekter Teufelskreis.
An Wut festhalten
Wut kann kraftvoll und klärend sein. Eine Stimme, die sagt: „So nicht mehr.“ Aber wenn sie sich festsetzt und du sie immer wieder neu fütterst, mit Rachegedanken, Misstrauen und alten Geschichten, wird sie zu einem geschlossenen System. Sie zehrt an dir und lässt keine Luft mehr für etwas anderes: für Annäherung, für Vertrauen, für Versöhnung.
Versteh mich richtig: Diese Muster sind nicht falsch. Sie sind tief in uns angelegte Verhaltensweisen, die unserem Überleben dienen. Aber auf Dauer führen sie weiter weg von dem, was du eigentlich suchst: Halt, Ruhe, Klarheit. Heilsam wird es, wenn du beginnst, dich selbst zu stärken – nicht gegen den anderen, sondern für dich. Wo du erkennst, dass deine Sicherheit nicht von Kontrolle kommt, sondern von deiner Fähigkeit, mit dem Ungewissen zu leben, ohne dich selbst zu verlieren.
An Schmerz festhalten
Es ist paradox, aber tatsächlich halten wir Schmerz manchmal fest, als ob uns das davor schützen könnte, ihn wieder zu erleben. Manchmal stellen wir uns fast selbstquälerisch den Partner mit dem oder der Geliebten vor, zwanghaft und immer wieder.
Manchmal meiden wir jahrelang bestimmte Straßen oder Orte, weil diese mit der Auslösesituation in Verbindung stehen. Auch jahrelange Gerichtsverfahren, Scheidungsdramen oder Sorgerechtsstreit können eine Form sein, Schmerz festzuhalten. Wenn man den Partner selbst nicht halten kann, dann kann man ihm zumindest juristisch zusetzen!
All das dreht aber immer wieder das Messer in der Wunde und hält den Schmerz lebendig. Klar, dass es in der Beziehung letztlich nur zu Streit führt. Neues Vertrauen aufzubauen, kann so kaum gelingen.
Und auch eine neue Partnerschaft wird Misstrauen oder Eifersucht belastet, wenn wir diesen Schmerz mitnehmen.
Selbstwertprobleme
Ein Vertrauensbruch trifft nicht nur dein Gefühl zum anderen. Er trifft auch dein Gefühl zu dir selbst. Und oft geschieht das insgeheim und unbemerkt. Nicht gleich in den ersten Tagen. Sondern später, wenn der erste Schock nachlässt – und die Fragen bleiben.
Warum habe ich das nicht gesehen?
War ich zu naiv?
Bin ich nicht gut genug?
Plötzlich ist da nicht nur Wut auf den anderen, sondern auch Zweifel an dir selbst. An deinem Urteilsvermögen, an deinem Wert, an deiner Wahrnehmung. Das hat nichts mit Schwäche zu tun. Es hat damit zu tun, dass unser Selbstwert in Beziehungen lebt. Wir spiegeln uns im anderen. Erkennen uns in seinem Blick. Und wenn dieser Spiegel zerbricht, verlieren wir manchmal auch das Bild, das wir von uns selbst hatten.
Viele Menschen sagen in dieser Phase: Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Oder: Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin. Das klingt dramatisch – aber es ist oft sehr wahr. Weil der innere Halt erschüttert wurde. Weil das, worauf du dich verlassen hast, plötzlich nicht mehr trägt.
Was dann hilft, ist nicht ein neues Liebesbekenntnis. Auch kein neues Selbstoptimierungsprogramm. Sondern etwas anderes:
Wieder in Kontakt zu kommen mit dir selbst. Nicht dem Bild, das du von dir hattest. Sondern mit dem Teil in dir, der unzerstörbar ist auch wenn du verletzt wirst.
Selbstwert ist kein Zustand. Er wächst in Momenten, in denen du dich spürst. In Entscheidungen, die du für dich triffst, nicht gegen jemanden, in kleinen Handlungen und durch positive Erfahrungen, die dir zeigen: Ich bin noch da. Ich kann etwas tun. Ich schaffe es.
Vielleicht fühlst du das noch nicht. Vielleicht ist da gerade nur Leere oder Scham oder Anklage. Aber irgendwo darunter bist du noch. Und je öfter du dir mit Mitgefühl, mit Klarheit, mit Geduld begegnest, desto mehr wirst du spüren:
Ich bin mehr als das, was mir passiert ist.
4. Verarbeitung
Nach einem Vertrauensbruch verläuft nichts gradlinig. Kein Gefühl folgt dem anderen in sauberer Reihenfolge. Und doch gibt es innere Bewegungen, die viele Menschen durchlaufen, oft ohne es zu wissen.
Diese Phasen lassen sich nicht festlegen wie auf einem Zeitstrahl. Aber sie können Orientierung geben. Und das Gefühl: Ich bin nicht falsch. Ich bin mittendrin.
Phase 1: Der Schock
Am Anfang steht oft das Nicht-glauben-Können. Der Moment, in dem du realisierst: Es ist passiert. Du wurdest betrogen. Diese Phase ist geprägt von Erstarrung, Erregung und innerer Leere. Du möchtest aus dem Albtraum erwachen, aber er ist Realität. Du funktionierst, aber du bist nicht wirklich da. Es kann sein, dass du versuchst, das Geschehene zu relativieren, kleinzureden oder zu ignorieren. Das ist ein Schutzmechanismus. Dein System versucht, sich zu stabilisieren.
Phase 2: Emotionale Überwältigung
Dann kommt der Moment, in dem die Realität einsickert. Und mit ihr die Emotionen: Wut. Tränen. Schlaflosigkeit. Kreisende Gedanken. Scham. Angst. Ohnmacht. In dieser Phase hast du vielleicht das Gefühl, dass es nie wieder besser wird. Dass dich diese Gefühle auffressen. Genau hier sind viele Leserinnen und Leser dieses Artikels. Und genau hier braucht es Orientierung. Nicht im Sinne von „so kommst du da raus“. Sondern: „So gehst du da durch.“
Phase 3: Verstehen
Irgendwann wird es ruhiger. Nicht friedlich, aber sortierter. Du beginnst zu begreifen, was passiert ist. Du erkennst, was der Vertrauensbruch mit dir gemacht hat und vielleicht auch, warum er dich so tief trifft. Es ist die Phase des inneren Aufräumens. Des Fragens. Des Reflektierens. Und manchmal auch der ersten zarten Erkenntnisse: Wer du bist. Was dir wichtig ist. Was du brauchst.
Phase 4: Neuorientierung
Diese Phase lässt sich nicht herbeiführen. Sie erwächst aus den anderen. Und sie kommt unmerklich und fast unter der Hand. Du wachst eines Tages auf und spürst: Heute tut es ein bisschen weniger weh. Du gehst spazieren und merkst: Du kannst wieder atmen. Du triffst Entscheidungen nicht aus Trotz, nicht aus Angst, sondern aus Klarheit.
Neuorientierung bedeutet nicht, dass alles wieder gut ist. Sondern, dass du beginnst, deinen eigenen Boden wieder zu spüren. Nicht, weil alles geklärt ist. Sondern, weil du dir selbst wieder näher bist.
Die Phasen können sich wiederholen. Du denkst, du bist schon „weiter“ und plötzlich holt dich eine alte Welle ein. Auch das ist normal. Heilung ist nicht linear. Aber sie geschieht. In Wellen, in Spiralen, in Rückschritten, in kleinen Fortschritten. Und immer in deinem Tempo.

5. Der Weg geht hindurch – nicht drumherum
Starke Gefühle machen oft mehr Angst als das Geschehene selbst. Weil sie so unberechenbar sind. So laut. So widersprüchlich. Und weil sie dich aus der Spur werfen, aus deiner Rolle, deiner Fassung, deinem Alltag.
Aber Gefühle sind nicht das Problem. Das Problem ist, wie sehr sie dich manchmal überrollen. Oder wie sehr du gelernt hast, sie wegzudrücken, wenn sie dich zu sehr erschrecken.
Ein heilsamer Umgang mit Gefühlen heißt nicht, sie zu kontrollieren. Sondern ihnen Raum zu geben und sie zu fühlen, ohne dich in ihnen zu verlieren oder von ihnen bestimmen zu lassen. Und das geht. Nicht immer sofort. Nicht ohne Rückschläge. Aber es geht.
Was du tun kannst – ganz konkret:
1. Erkenne an, was da ist.
Sag innerlich nicht „Ich darf nicht so wütend sein“ oder „Ich sollte jetzt stark sein“. Sag: „Ich bin gerade wütend.“ „Ich bin verletzt.“ „Ich habe Angst.“ Das klingt einfach – aber es ist der erste Schritt, dich selbst wieder zu spüren, ohne dich zu verurteilen.
2. Halte inne, bevor du handelst.
Wut und Schmerz treiben oft zu impulsivem Verhalten: Nachrichten schreiben, nachbohren, kontrollieren. Versuch, einen Moment dazwischen zu schieben – zwischen Gefühl und Reaktion. Atme. Geh raus. Schreib dir alles von der Seele, ohne es gleich abzuschicken. Hier findest du eine Anleitung zum expressiven Schreiben.
3. Finde Ausdrucksmöglichkeiten für deine Gefühle.
Was du nicht aussprichst, bleibt in dir stecken. Und irgendwann zeigt es sich auf andere Weise – in Rückzug, Gereiztheit, innerer Taubheit. Wenn du Schmerz, unterdrückst, unterdrückst du auch alle anderen Gefühle. Und dann geht ihr auf Dauer deine Lebendigkeit verloren..
Du musst nicht alles sofort verstehen. Aber du darfst reden, schreiben, weinen, tanzen und laufen. Alles, was Bewegung bringt – innen oder außen – hilft, dass sich etwas löst.
4. Erlaube dir Rückschritte.
Der Prozess verläuft nicht in klaren Schritten. Manchmal denkst du, es ist überstanden – und plötzlich ist es wieder da. Die Scham. Der Schmerz. Die Wut. Das ist kein Rückfall. Das ist Teil der Heilung. Und die Ausschläge werden mit der Zeit immer weniger stark.
5. Bleib im Kontakt mit dir.
Frag dich immer wieder: Was brauche ich gerade? Was würde mir guttun? Mache dich selbst zu deiner höchsten Priorität. Das ist keine Konsumverhalten, sondern Zuwendung. Vielleicht brauchst du Ruhe. Vielleicht ein Gespräch. Oder einfach jemanden, der da ist, ohne zu erklären.
6. Verabschiede dich von der Opferrolle
Ja, dir ist etwas geschehen. Und ja, das war nicht fair. Aber du bist mehr als diese Geschichte. Wenn du dich nur als Opfer siehst, gibst du deine Handlungsfähigkeit ab. Dann wirst du zur Reaktion und nicht zur Gestalterin. Heilsam ist es, den Schmerz zu würdigen und gleichzeitig Schritt für Schritt die Verantwortung für dich selbst zurückzuholen.
7. Vertraue auf dein Heilungsvermögen – auch wenn du es noch nicht spürst
Eine seelische Wunde heilt wie eine körperliche: von innen. Nicht indem du die Region sofort wieder belastest, sondern indem du ihr Zeit gibst, Ruhe, Geduld und das Vertrauen: Es wird gehen. Heilung bedeutet nicht, den Schmerz nicht mehr zu spüren, sondern eher in anzunehmen und zu halten. Und irgendwann wirst du dir gewahr, es ist nicht mehr schlimm.
Mit das Wichtigste zum Schluss:
Du bist mehr als jemand, dem das gerade passiert ist
- So schlimm es ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass einem das einmal im Leben passiert, ist sehr groß. Nimm es als Lebenserfahrung, als etwas, das dich klüger, stärker und tiefer macht.
- Heilung beginnt nicht damit, dass es dir sofort besser geht. Sie beginnt in dem Moment, indem du aufhörst, gegen deine Gefühle zu kämpfen – und beginnst, ihnen zuzuhören.
- Du musst diesen Weg nicht perfekt gehen. Aber du kannst ihn gehen. Schritt für Schritt. In deinem Tempo. Und mit der Gewissheit: Du bist nicht kaputt. Du bist in einem Prozess.
- Du bist nicht das, was dir passiert ist. Du bist das, was du daraus machst. Und auch wenn du es heute noch nicht fühlst – du trägst in dir alles, was du brauchst, um wieder ganz zu werden.
Herzlichst

P.S.: Wenn du gerade mitten in all dem steckst – nimm dir jetzt einen Moment nur für dich.
Schließ die Augen. Spür in dich hinein. Atme. Schreib einen Gedanken auf. Geh ein paar Schritte. Ruf jemanden an. Tu etwas Kleines, Echtes, Freundliches – für dich.
Nicht morgen. Jetzt.
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Bildnachweis:
Titel: KATRIN BOLOVTSOVA from Pexels @canva





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