Ausgerechnet in Gruppen hört das ganze Wissen über Kommunikation manchmal einfach auf zu funktionieren. Nicht, weil du es vergessen hast. Sondern weil in dem Moment, wo mehrere Menschen zusammenkommen, etwas entsteht, das anderen Regeln gehorcht als ein Gespräch zu zweit. Darum geht es in diesem Artikel.
Kommt dir das bekannt vor?
Es gibt diesen Moment in Meetings oder Gruppensituationen, den fast jeder kennt, du vermutlich auch. Jemand redet. Und während er redet, passiert in dir etwas. Eine Idee taucht auf, ein Widerspruch, ein „Ja, aber“, das innerlich stark einnimmt. Du wartest auf eine Lücke, die nicht kommt. Du formulierst innerlich an deinen Antworten und hörst schon fast nicht mehr zu, weil du so beschäftigt damit bist, deinen eigenen Gedanken nicht zu verlieren.
Oder umgekehrt: Du sitzt da mit einer Perspektive, die du für wichtig hältst. Aber irgendwie kommt der Moment nie. Die anderen sind immer schneller, lauter, selbstbewusster. Du nimmst dir vor, beim nächsten Mal zu sprechen. Und dann ist dieses nächste Mal auch schon wieder vorbei. Was bleibt, ist ein Unbehagen, das du wahrscheinlich nicht mal Ärger nennen würdest. Aber es ist einer.
Und dann gibt es noch diese andere Situation, die vielleicht die unangenehmste ist. Du redest. Du merkst irgendwo, tief unter dem, was du sagst, dass die Blicke glasig werden, dass jemand aufs Handy schaut, dass du eigentlich schon gar nicht mehr die Aufmerksamkeit hast. Und du redest trotzdem weiter. Weil aufhören sich seltsam anfühlen würde. Weil du ja noch nicht fertig bist und deinen Punkt noch bringen willst.
Drei Szenen. Ein Thema. Die Frage, wer sich wie viel Rederaum nimmt, wie viel spricht und warum, ist keine Kleinigkeit. Sie läuft als Subtext durch fast jedes Meeting, jede Teambesprechung, jede Gruppenrunde. Meistens unausgesprochen. Aber trotzdem da. Sie beeinflusst, wie wir die Qualität der Kommunikation empfinden, und wie wir im Nachhinein über das Erlebte denken.
Ich fasse das Thema „Gruppen“ in diesem Artikel bewusst weit: das Teammeeting am Montag, die Fortbildungsgruppe, die Supervisionsrunde, das Projektgespräch mit Kolleginnen. Überall dort, wo mehrere Menschen zusammenkommen und gemeinsam reden, entsteht dieses Phänomen.
Und noch etwas spielt eine Rolle, bevor wir überhaupt anfangen zu reden: Eine Gruppe ist kein Gespräch zu zweit, nur mit mehr Menschen. Sie ist etwas grundlegend anderes. Du reagierst nicht nur auf ein Gegenüber, sondern auf ein ganzes System mit unausgesprochenen Regeln, Rollen und Erwartungen, das sich oft schon in den ersten Minuten eingespielt hat, ohne dass jemand es bewusst gesteuert hätte.
Wenn du mehr darüber verstehen möchtest, wie Gruppenprozesse grundsätzlich funktionieren, schau auch gern einmal hier.
Im Folgenden schauen wir uns einen ganz konkreten Ausschnitt davon an: das Sprechen und das Schweigen.
Der heimliche Konflikt – was beim Sprechen oder Schweigen in Gruppen wirklich passiert
Was in diesen Momenten passiert, ist ein innerer Konflikt, nicht laut, nicht dramatisch, nichts, das Spuren hinterlässt wie ein ausgewachsener Streit. Aber es kostet auch etwas. Die innere Frage, ob ich jetzt etwas sage oder nicht, ob ich mich zurückhalte oder doch noch einmal ansetze, ist nicht nebensächlich. Sie beschäftigt uns, lenkt uns ab und hinterlässt manchmal ein Gefühl, das wir schwer benennen können: zu viel gesagt, zu wenig gesagt, im falschen Moment gesprochen, im richtigen Moment geschwiegen und es hinterher bereut.
Und das Besondere daran ist: Dieser Konflikt läuft nicht nur in dir. Er läuft gleichzeitig in den meisten anderen im Raum. Jede Person sitzt mit ihrer eigenen Version davon. Die Frage ist nicht nur, was in mir vorgeht, wenn jemand anderes spricht. Sondern auch, was mein Reden oder mein Schweigen bei den anderen auslöst. Wer sich dadurch mehr traut. Wer sich dadurch weniger traut. Was durch mich möglich im Gespräch wird, und was durch mich vielleicht ungesagt bleibt.
Es ist dieser Konflikt, der mich immer wieder fasziniert, weil er so alltäglich ist und gleichzeitig so wenig Beachtung bekommt. Wir investieren viel Energie in die Frage, was wir inhaltlich sagen wollen, aber kaum in die Frage, wie wir uns selbst im Gespräch erleben und was wir dabei mit anderen machen. Dabei beginnt gutes Sprechen und Schweigen in Gruppen genau dort.
Aber warum reagieren wir dabei so verschieden? Warum nimmt sich die eine den Rederaum, während die andere wartet und wartet? Das hat weniger mit Persönlichkeit oder bestimmten Fähigkeiten zu tun, als wir oft denken.
Warum wir so unterschiedlich damit umgehen
Dass wir in Gruppen so verschieden reagieren, hat nichts mit Zufall zu tun und auch nichts damit, ob jemand besonders selbstbewusst ist oder nicht. Es beginnt damit, dass eine Gruppe an sich schon eine bestimmte Art von Stress erzeugen kann, oft einen, den wir gar nicht bewusst als Stress wahrnehmen. Denn sobald wir in einer Gruppe sitzen, beginnt in uns ein ständiges, meist unbewusstes Abgleichen: Wie komme ich hier vor? Werde ich gesehen? Bringe ich mich genug ein, oder ist es schon zu viel? Passe ich mich zu sehr an, oder behaupte ich mich zu wenig?
Es ist ein permanentes Balancieren zwischen dem Ich und dem Wir, zwischen dem eigenen Beitrag und dem, was die Gruppe gerade braucht. Dieses Balancieren läuft im Hintergrund, die ganze Zeit, und es kostet Energie, auch wenn wir es kaum merken. Das ist selbst in einigermaßen entspannten Gruppen so. Je mehr latente Spannung im Untergrund ist, desto mehr Stress erzeugt es auch.
Und wie wir mit dieser Spannung umgehen, ist nicht beliebig. Es folgt denselben Mustern, die ich als Konfliktstrategien bezeichne – und die nicht nur im Außen wirken, wenn wir mit anderen in Konflikt geraten, sondern auch im Innen, in genau diesen Momenten des Abwägens.
Die kompetitive Strategie
Menschen mit einer kompetitiven Strategie nehmen sich den Rederaum meist, ohne lange zu zögern. Sie denken schnell, sprechen direkt und haben selten ein Problem damit, in eine Lücke hinein zu sprechen, auch wenn sie noch gar nicht ganz offen ist. Das hat Stärke, weil diese Menschen Gespräche voranbringen und Klarheit schaffen. Es hat aber auch eine Schattenseite, die sie selbst am schwersten sehen: dass sie die anderen manchmal so schnell überholen, dass diese aufhören mitzudenken. Ihr innerer Satz lautet oft unbewusst: Einer muss Klartext sprechen.
Die empathische Strategie
Menschen mit einer empathischen Strategie sind oft die aufmerksamsten Zuhörerinnen im Raum. Sie spüren, was gerade gebraucht wird, passen sich an, halten sich zurück, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Beitrag die Harmonie stören könnte. Was dabei verloren gehen kann, sind genau die Perspektiven, die niemand sonst einbringt. Ihr innerer Satz lautet hier unbewusst: Besser nachgeben, um des lieben Friedens willen. Der stille Ärger hinterher ist oft der Preis dafür.

Die protektive Strategie
Menschen mit einer protektiven Strategie brauchen Zeit. Sie beobachten erst, prüfen die Situation, wollen sicher sein, bevor sie sprechen. In schnellen, lauten Gruppen kommen sie oft gar nicht erst dran, weil der Moment, in dem ihr Beitrag gepasst hätte, schon wieder vorbei ist. Ihr innerer Satz klingt dann manchmal so: Ich muss erst alles verstanden haben, bevor ich etwas sage. Was bleibt, ist das Gefühl, nicht wirklich Teil des Gesprächs gewesen zu sein, obwohl sie die ganze Zeit dabei waren.
Wenn du neugierig geworden bist, welche Strategie bei dir dominiert, kannst du das mit diesem kurzen Gratis Selbst-Test herausfinden. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Minikurs: Konfliktstrategien verstehen, das ganze Bild.
Der kleine bewusste Moment
Diese Muster laufen meist so schnell ab, dass wir sie im Moment selbst kaum bemerken. Wir sprechen, weil es sich richtig anfühlt. Wir schweigen, weil der Moment nie zu kommen scheint. Und hinterher fragen wir uns manchmal, warum das eigentlich so war. Warum ich schon wieder zu viel geredet habe. Warum ich schon wieder nichts gesagt habe. Warum der Abend sich seltsam angefühlt hat, obwohl doch eigentlich alles in Ordnung war.
Was in solchen Momenten helfen kann, ist kein Kommunikationsmodell mit sieben Schritten, sondern etwas viel Schlichteres: eine kleine ehrliche Selbstbefragung. Ein kurzes Innehalten, bevor du sprichst oder schweigst – oder manchmal auch mittendrin, wenn du merkst, dass du schon eine Weile redest und nicht mehr ganz weißt, wohin es eigentlich geht. Nicht um dich zu kontrollieren oder jeden Satz zu bewerten, sondern um kurz zu wissen, was gerade in dir vorgeht. Spreche ich wirklich, weil ich etwas beitragen will? Oder weil mir Stille unangenehm ist? Weil ich das Gefühl habe, sonst nicht zu zählen? Schweige ich, weil ich wirklich nichts zu sagen habe? Oder weil ich mir selbst nicht zutraue, was ich eigentlich denke?
Das klingt simpel, und das ist es auch – in gewisser Weise. Aber es setzt voraus, dass du weißt, wo du hinschauen musst. Und genau das ist nicht für alle gleich. Je nachdem, welches Muster du in Gruppen mitbringst, geht diese Selbstbefragung in eine andere Richtung.
Wer kompetitiv unterwegs ist, profitiert eher davon, sich zu fragen: Warum will ich jetzt gerade reden? Warum möchte ich weitersprechen, obwohl ich eigentlich schon fertig bin? Bringe ich gerade wirklich etwas bei – oder halte ich einfach den Raum, weil Schweigen sich falsch anfühlt? Das ist keine Selbstkritik, sondern eine Einladung zur Neugier auf sich selbst.
Wer dagegen eher empathisch oder protektiv reagiert, braucht die Frage in die andere Richtung: Warum passe ich mich an? Warum sage ich jetzt nicht, dass ich nicht einverstanden bin? Oder: warum halte ich mich zurück? Ist es wirklich so, dass ich nichts beizutragen hätte? Oder fühlt sich mein Gedanke noch nicht fertig genug an, zu unbequem, zu riskant? Auch das ist keine Aufforderung, sich zu überwinden. Sondern eine Einladung, kurz innezuhalten und zu schauen, was da eigentlich los ist.
Der Mechanismus ist derselbe, nur die Richtung dreht sich um. Und genau das macht den Unterschied.
Was das mit den anderen macht
Diese Selbstbefragung ist der eine Teil von dem, was bewusstes Sprechen und Schweigen in Gruppen ausmacht. Der andere Teil geht eine Ebene weiter: Was passiert eigentlich gleichzeitig in den anderen? Und was bewirkt dein Sprechen oder Schweigen in dem, was zwischen euch entsteht?
Das eigene Erleben spielt sich nie in einem Vakuum ab. Du sitzt nicht allein mit dir in diesem Meeting, und was in dir vorgeht, wirkt immer auch nach außen. Dein Redeverhalten ist nie nur eine persönliche Angelegenheit. Es ist immer auch ein Beitrag zum System.
Gruppen haben eine eigene Dynamik, die mehr ist als die Summe der einzelnen Personen. Und sie haben etwas, das man nicht auf der Tagesordnung findet: unausgesprochene Regeln: Wer darf hier wie viel sagen? Wer wird gehört, wer wird übergangen? Was ist erlaubt zu benennen, und was bleibt lieber ungesagt?
Diese Regeln entstehen oft schon in den ersten gemeinsamen Sitzungen, manchmal sogar in den ersten Minuten. Jemand macht einen Witz, alle lachen, und plötzlich ist Humor erlaubt. Jemand äußert eine ungewöhnliche Meinung und wird ignoriert, und plötzlich weiß jeder im Raum unbewusst, was hier nicht willkommen ist. Niemand hat das so entschieden. Niemand hat es ausgesprochen. Aber alle halten sich daran.
Wenn du viel sprichst, nimmst du nicht nur deinen Anteil ein, sondern veränderst gleichzeitig, wie viel Raum für andere gefühlt noch übrig ist. Wenn du konsequent schweigst, gibst du deine Perspektive nicht in die Gruppe – und das fehlt dann wirklich, auch wenn es niemand laut sagt.
Du bist nie allein in einer Gruppe
Das alles klingt anspruchsvoll, und das ist es irgendwie auch. Aber es soll nicht erdrücken, sondern einladen. Weil es auch bedeutet, dass jede einzelne Person etwas verändern kann, ohne dass es dafür große Gesten braucht. Was es eher braucht, ist eine bestimmte Art von doppelter Aufmerksamkeit – für dich selbst und gleichzeitig für die anderen und die Situation.
Du merkst, dass du gerade sehr viel Raum einnimmst? Dann ist das ein Moment, in dem Innehalten mehr bewirkt als der nächste Satz. Die hohe Schule wäre vielleicht sogar, jemanden aktiv zu fragen, der die ganze Zeit dabei sitzt und noch nicht so viel gesagt hat
Du spürst, dass ein Gedanke in dir rumort, du ihn aber zurückhältst, weil du auf eine Lücke wartest? Dann ist genau das der Moment, in dem dein Einbringen dem Gespräch nützt – nicht nur dir.
Das ist keine Aufforderung zur Dauerbeobachtung oder zum inneren Tribunal, das jeden Satz bewertet. Sondern eine Einladung zu kleinen, bewussten Korrekturen. Ein Gedanke weniger, der ausgesprochen wird. Ein Satz mehr, der sich noch nicht ganz fertig anfühlt, aber trotzdem wichtig ist. Bewusste Kommunikation in Gruppen beginnt genau dort: nicht im großen Auftritt, sondern in diesen kurzen Momenten, in denen du weißt, wer du gerade im Raum bist – und dich entscheidest, wie du das einbringst.

Und du?
Bevor du das nächste Mal in einer Gruppe oder einem Meeting sitzt: Welche der drei Szenen vom Anfang kennst du am besten? Die Antwort sagt schon eine Menge darüber, wo dein eigener Ansatzpunkt liegt. Wenn du das genauer erkunden möchtest, findest du mit diesem kurzen Gratis Selbst-Test einen ersten Hinweis. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Minikurs: Konfliktstrategien verstehen, das ganze Bild.
Denn kein Werkzeug der Welt hilft dir, wenn du nicht weißt, wer du in der Gruppe bist.
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Bildnachweis
Titel: Group Meeting Around Round Table in Modern Office by SUMALI IBNU CHAMID from Alemedia.id@canva





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