Mauern – Selbstschutz mit Nebenwirkungen

12. Juni 2026 | Gespräche, Kommunikation, Konfliktlösung | 0 Kommentare

Mauern erlebt jeder irgendwann einmal: Jemand steht mitten in einer Diskussion auf, nimmt seine Tasche und geht. Kein Kommentar, kein „Ich brauche kurz Luft“, einfach weg. Ein anderer bleibt zwar im Raum, entzieht sich aber durch Schweigen. Egal, was du sagst, du kommst nicht durch. Wieder jemand anderes schreibt dir seit Tagen nicht zurück, obwohl du weißt, dass die Nachrichten gelesen wurden. Die zwei blauen Häkchen sind da. Und dann: Stille.

Das alles kann Mauern sein: Zumachen, Abblocken, Rückzug. Wer verstehen will, wie man damit umgeht, muss zuerst verstehen, wozu es gut ist.

Warum jemand zumacht – und was das mit Schutz zu tun hat

Auf einem Schiff gibt es für den Ernstfall ein klares Kommando: Schotten dicht – Verschlusszustand. Sobald irgendwo Wasser eindringt, schließen sich augenblicklich sämtliche Durchgänge, oft über einen zentralen elektronischen oder hydraulischen Mechanismus geregelt. Der Schaden bleibt in seinem Abschnitt. Der Rest des Schiffes bleibt trocken und schwimmfähig. Eine elementare Sicherheitsmaßnahme.

Mauern funktioniert nach demselben Prinzip. Ich nenne es eine protektive Konfliktstrategie, weil es genau das ist: ein erlerntes, oft jahrelang erprobtes Verhalten, mit spannungsvollen Momenten umzugehen. Sie ist eine von drei solcher Strategien, dazu weiter unten mehr.

Ihr Kern ist Schutz: der Schutz der eigenen Gefühle, der Schutz der Beziehung vor einer Eskalation, manchmal auch der Schutz einer dritten Person, die nicht hineingezogen werden soll. Wer in einer hitzigen Situation einfach nichts sagt, möchte vielleicht keine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen. Wer sich Zeit nimmt, bevor er antwortet, sagt am Ende oft etwas Präziseres als jemand, der sofort reagiert. Das kann Sinn ergeben.

Viele Menschen haben in ihrem Leben gelernt, auf unangenehme Situationen mit Mauern und Schweigen zu reagieren, weil das für sie funktioniert hat. Vielleicht gab es in der Familie hochemotionale Konflikte, Gefühle, die den Raum ausfüllten, bis kaum noch Luft blieb. Wer da frühzeitig die eigenen Schotten schließt und sich aus der Schusslinie bewegt, fährt besser. Der Rückzug ist letztlich eine Form der Lösung für eine schwierige Situation. Eine sehr menschliche dazu. Denn gesteuert werden solche Reaktionen auf unseren älteren Gehirnanteilen heraus, die für unser Überleben zuständig sind.

Manche sind auch so veranlagt: Sie nehmen viel wahr, sind sensibel, beobachten gut und brauchen Zeit, um Dinge zu verarbeiten, bevor sie sich äußern. Wer so gestrickt ist, weiß: Es ist besser, erst etwas zu sagen, wenn ich es durchgedacht habe. Unter Druck passiert dann oft das Gegenteil, man fühlt sich verwirrt, weiß plötzlich gar nichts mehr. Unter Druck denkt das Nervensystem nicht an Kommunikation. Es denkt ans Überleben.

Situativ oder Gewohnheit? Das macht den Unterschied.

Situativ begründetes Mauern und Abblocken

Ich erinnere mich an einen Sommerabend mit Freunden. Gute Stimmung, der Abend hatte sich gerade erst entfaltet, und dann kam ein politisches Thema auf den Tisch. Die Stimmung schlug um. Einige wurden lauter, vehementer, die Sätze schärfer. Andere, ich eingeschlossen, lehnten sich etwas zurück. Sagten weniger. Ließen die Wellen über sich hinweggehen, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann von selbst legen.

Auch wenn der Eindruck entstand, manche würden nicht genügend Position beziehen: In dem Moment war das die richtige Entscheidung, keine Feigheit. Weitere Worte hätten das Feuer nur größer gemacht. Die Gemüter brauchten erst mal Luft zum Abkühlen. Was es gebraucht hat, war das Danach: einen ruhigen Moment, ein Gespräch ohne Adrenalin. Das kam auch, ein paar Tage später, bei einem Spaziergang, und plötzlich war eine Klärung möglich, die an dem Abend einfach nicht gegangen wäre.

Situatives Mauern bedeutet, es passiert in einer bestimmten Situation und nicht nur aus Reflex oder Gewohnheit. Es gibt oft innere oder äußere Gründe, die in dem Moment dafür sprechen. Bei situativem Mauern stehen die Chancen gut, dass sich das Ganze zu einem späteren Zeitpunkt löst und ihr wieder miteinander ins Gespräch kommt.

Wann Schweigen auch klug sein kann:

Wenn es die Sache eigentlich nicht wert ist.
Wenn du spürst, dass jede Reaktion den Konflikt weiter anheizt.
Wenn du merkst, dass du dich erst beruhigen musst, bevor irgendetwas Sinnvolles aus dir herauskommt.

Nicht jede Eskalation, die man verhindert, ist eine vermiedene Auseinandersetzung. Manchmal ist sie eine gerettete Beziehung.

Wenn Mauern und Abblocken zur Gewohnheit wird

Bei gewohnheitsmäßigem oder automatisiertem Mauern ist es etwas anders. Dann spielt es sich immer ähnlich ab: Jemand versucht, den anderen zu erreichen, es gibt ein dringendes Thema, und je mehr Dringlichkeit signalisiert wird, desto mehr macht der andere zu. Der, der zumacht, wirkt dabei von außen oft erstaunlich cool. Vielleicht sogar souverän, fast so, als stehe er über den Dingen. Was tatsächlich passiert, ist das Gegenteil: Hinter dem Panzer versteckt sich jemand, der dem anderen signalisiert, du bist zu emotional, du übertreibst, da ist doch gar nichts.

Eine scheinbare Stärke. Mit einer sehr realen Nebenwirkung.

Je mehr jemand zumacht, desto mehr Ohnmacht erzeugt er auf der anderen Seite. Der andere versucht noch dringlicher zu erreichen, wird lauter, emotionaler, ungeduldiger.

Was von außen aussieht wie ein Wut-Problem des einen, ist in Wirklichkeit ein Mauern-Problem des anderen.

Der Mauernde schürt die Eskalation, die er verhindern wollte, und merkt es nicht, weil er sich scheinbar ruhig verhält.

Streit, junges Paar

Niemand macht das böswillig. Aber es passiert. Und es hat noch einen zweiten Preis, der seltener benannt wird: Wer dauerhaft die Schotten dicht macht, verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst. Man weiß nicht mehr genau, was man will. Man schnürt sich Gefühle ab, die eigentlich da sein dürften. Man wird unklar, für andere und für sich selbst. Und auf Dauer fühlt man sich weniger lebendig, weniger in Kontakt. Das ist ein zu hoher Preis für eine Strategie, die uns schützen soll.

Was du tun kannst, wenn dein Gegenüber mauert

Das Naheliegendste ist meistens das Ungünstigste: das Mauern direkt ansprechen. „Du blockst schon wieder ab“ klingt für den anderen wie ein Angriff und verstärkt genau die Haltung, die du eigentlich auflösen möchtest. Das weißt du. Und trotzdem passiert es, weil Frustration irgendwann stärker ist als Wissen.

Ähnlich geht es mit dem Psychologisieren. Wenn du beruflich mit Kommunikation und Konflikt arbeitest, siehst du die Dynamik oft sofort. Der Bindungsstil leuchtet auf wie eine Leuchtschrift. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist der Impuls da, das zu benennen. Es ist verständlich. Aber es hilft nicht. Niemand öffnet sich, wenn er mitten in einem Gespräch eine Deutung über sich selbst hört, auch wenn sie stimmt.

Was stattdessen einen Unterschied macht, ist ein innerer Schritt: weg von dir und dem, was der andere dir gerade antut, hin zu der Frage, was er in diesem Moment braucht. Das klingt einfacher als es ist, gerade wenn du selbst gerade etwas dringend brauchst. Aber dieser Perspektivwechsel nimmt den Druck aus der Situation, weil er keinen mehr erzeugt.

Von dort aus entdeckst du oft überraschend viele Gründe für den Rückzug, die nichts damit zu tun haben, dich auszubremsen. Vielleicht braucht jemand Zeit zum Verarbeiten, muss sich erst sortieren, bevor er überhaupt weiß, was er sagen will. Vielleicht ist der Moment schlicht der falsche, weil Ort oder Umgebung nicht passen.

Dann hilft ein konkreter Vorschlag mehr als ein weiteres Gespräch: „Lass uns das in Ruhe besprechen, wenn wir beide Luft haben.“

Streit_Junge Frau mauert

Manchmal steckt hinter dem Mauern auch die aufrichtige Sorge, dass ein offenes Gespräch alles nur schlimmer macht. Das ist kein schlechter Einwand. Mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst. Signalisiere stattdessen, dass ihr gemeinsam schaut, wie es so wenig holprig wie möglich werden kann, zum Beispiel, indem ihr das Thema in kleinere Portionen aufteilt und nicht alles auf einmal auf den Tisch legt.

Und dann gibt es noch den Klassiker in längeren Beziehungen: „Wir haben das doch schon tausendmal besprochen.“ Ob es die Spülmaschine ist, das Zuspätkommen oder der Ton beim Einkaufszettel. Hinter dieser Erschöpfung steckt oft etwas Wichtiges: Wir streiten häufig über Ersatzthemen, weil die eigentlichen zu nah sind. Eine Frage, die da heraushelfen kann, ist schlicht: Welches Problem versuchen wir hier zu lösen? Das holt beide aus dem Kleinklein heraus und bringt das Gespräch wieder auf eine gemeinsame Spur.

Wenn Mauern zum Muster wird

Was aber, wenn du all das ausprobiert hast und trotzdem merkst: Das ist kein einzelner schwieriger Moment, sondern ein Muster, das sich immer wieder auf dieselbe Art abspielt, mit demselben Ablauf, denselben Rollen, demselben Ausgang?

Dann ist es Zeit für Metakommunikation. Das klingt weniger theoretisch als es ist. Metakommunikation bedeutet einfach: über das Reden reden. Nicht über den Inhalt des letzten Streits, sondern über die Fragen: Wie geht es uns eigentlich miteinander, und was brauchen wir beide, damit wichtige Dinge zwischen uns wirklich Raum bekommen können?

Das gelingt am besten, wenn du dich dafür separat verabredest. Direkt aus einer eskalierenden Situation in die Metaebene zu wechseln, funktioniert fast nie. Besser: ein ruhiger Moment, keine schwelende Spannung im Hintergrund, beide einigermaßen sortiert. Und dann: Nenn das Verhalten des anderen nicht Mauern oder Abblocken. Beschreibe stattdessen, was du wahrnimmst und wie du dich dabei fühlst. Nicht „Du mauerst immer“, sondern „Wenn du plötzlich gehst, ohne etwas zu sagen, weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll, und das macht mir zu schaffen.“

Die Haltung, die du dabei einnimmst, macht einen größeren Unterschied als die Worte. Weniger Beschwerde, mehr echtes Interesse. Dein Ziel ist, gemeinsam herauszufinden, wie es besser gehen kann. Kritik zu üben oder eine Verhaltensänderung zu fordern, bringt dich dort nicht hin. Diese Offenheit verändert den Ton einer solchen Unterhaltung.

Und du? Welche Rolle spielst du?

Eine Frage bleibt noch offen.

Denn dieses Muster hat immer zwei Seiten, und du bist eine davon. Vielleicht bist du derjenige, der nachsetzt, immer lauter, immer dringlicher, immer verzweifelter, weil der andere einfach nicht reagiert. Was sich dabei wie berechtigter Ärger anfühlt, ist oft auch Ohnmacht. Und je mehr du drückst, desto mehr zieht sich der andere zurück. Nicht weil er dich bestrafen will, sondern weil dein Druck für ihn sich genauso überwältigend anfühlt wie sein Schweigen für dich. Das lohnt sich anzuschauen: Was tue ich, das den Kreislauf am Laufen hält?

Oder du bist derjenige, der mauert. Nicht weil du den anderen nicht magst oder das Gespräch verweigern willst, sondern weil du keine andere Idee hast, wenn es zu viel wird. Von innen fühlt sich der Rückzug vernünftig an, wie Besonnenheit, wie professionelle Distanz, manchmal sogar wie Schutz für die Beziehung. Was du dabei nicht siehst: dass der andere dein Schweigen als Ablehnung erlebt und deshalb noch mehr nachdrängt. Genau das, was du verhindern wolltest.

Menschen, die beruflich viel mit Kommunikation arbeiten, bemerken beides bei sich oft am spätesten. Weil sie die Dynamik so gut kennen, dass sie sie bei sich selbst nicht mehr als Dynamik wahrnehmen. Er fühlt sich normal an, dieser Reflex. Wie etwas, das zum eigenen Verhalten gehört, ganz automatisch.

Wenn du irgendwo in diesem Artikel innerlich genickt hast, und zwar in Richtung dir selbst statt in Richtung eines anderen, dann ist das ein guter Moment für eine ehrliche Frage. Wer anderen dabei hilft, aus eingefahrenen Mustern herauszukommen, darf sich dieselbe Zumutung auch selbst zutrauen.

Zum Schluss

Rückzug ist menschlich. Es ist eine der ältesten menschlichen Strategien, um sich in Momenten zu schützen, die sich gefährlich anfühlen. Das verdient Respekt, auch wenn es einen gerade zur Weißglut treibt.

Was es nicht verdient, ist, unreflektiert zu bleiben. Weder bei denjenigen, die mauern, noch bei denen, die damit umgehen müssen.

Schutz hat seinen Preis. Die Frage ist, ob du ihn bewusst zahlst oder ob du ihn irgendwann gar nicht mehr wahrnimmst, weil der Panzer sich so sehr wie die eigene Haut anfühlt, dass du vergessen hast, dass du ihn selbst angezogen hast.

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest: In meinem Gratis-Selbsttest kannst du herausfinden, zu welcher Konfliktstrategie du selbst neigst. In meinem Minikurs schauen wir uns die drei elementaren Konfliktstrategien genauer an, wie sie entstehen, was sie in Beziehungen anrichten und wie du beginnen kannst, bewusster damit umzugehen. Für dich selbst, und für die Menschen, mit denen du arbeitest. Hier geht es zum Minikurs.

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Bildnachweis

Titel: Aged stonewall by tab1962 from Getty Images@canva

Bild 1: Young Couple Quarreling on Color Background by pixelshot@canva

Bild 2: Young man trying to make peace with wife by pixelshot@canva

Kerstin Pletzer

Konfliktcoach, Mediatorin & Supervisorin
Ich bin Kerstin, Jahrgang 1960, und beschäftige mich damit, Gespräche wieder möglich zu machen: über Belastendes, Übersehenes, Verdrängtes. Mich interessiert jedes Gesprächsformat – tiefgründig, alltäglich oder herausfordernd, am Küchentisch, unterwegs oder mitten im Arbeitsalltag. Für mich gehört ein gutes Gespräch zu den stärksten menschlichen Erfahrungen. Hier schreibe ich über das, was dabei hilft, Verständigung herzustellen und Verbindung zu halten.

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