Wirklich zuhören: Was du dabei auch für dich gewinnst.

20. Juli 2026 | Kommunikation, Vertrauen | 0 Kommentare

Wirklich Zuhören ist eines der wirkungsvollsten Geschenke, das wir einem Menschen machen können. Und uns selbst.

Eine kleine Szene auf einem Gartenfest hat mir vor kurzem noch einmal vor Augen führt, worum es beim Zuhören eigentlich geht, und was es bewirken kann, für den anderen, für die gemeinsame Beziehung und für uns selbst.

Neben mir kletterte ein etwa vierjähriges Mädchen auf den Schoß einer jungen Frau, seiner Patentante. Bis gerade eben hatte es noch ausgelassen mit den anderen Kindern gespielt. Sie nahm deren Hände und legte sie sich selbst um den Bauch, bestimmt und geübt, so wie sich Passagiere einen Sicherheitsgurt vor Beginn eines Fluges anlegen. Ihre Eltern hatten sich vor einigen Monaten getrennt.

Sie begann vor sich hin zu murmeln und zu erzählen, ohne ihre Patentante dabei ein einziges Mal anzusehen. Ihre Sätze gingen direkt in die Hände hinein, die sie umschlossen hielten, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Vom Geburtstag, der bald kam. Vom Wechsel zwischen Mama und Papa, der jetzt zu ihrem Leben gehörte. Vom neuen Freund ihrer Mutter, den sie beim Namen nannte, ohne besonderen Ton in der Stimme.

Die Patentante sagte kein Wort. Sie blieb einfach ruhig sitzen und hielt das Mädchen fest umfangen, während es sprach, ihr Gesicht blieb ruhig. Zusammen wirkten die beiden wie eine kleine innerliche Insel inmitten des Trubels. Nach ein paar Minuten stand das Mädchen von selbst wieder auf, lief zurück zu den anderen Kindern und spielte weiter. Als wäre nichts gewesen.

TL;DR
Wirklich zuhören ist keine Technik, die du abrufst, sondern eine Haltung, für die du deine eigenen Ansichten, Ziele und Bewertungen kurz beiseite legst. Das heißt nicht, dass du dich selbst aufgibst. Manchmal ist es genauso richtig, offen zu sagen, was dich bewegt. Wenn du wirklich zuhörst, verändert das etwas beim anderen, in der Beziehung und in dir selbst, weil du dabei etwas Ursprüngliches in dir berührst.

Wirkliches Zuhören ist keine Technik, sondern eine Haltung

Was ist da eigentlich passiert, zwischen dem Mädchen und ihrer Patentante? Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Jene tröstete nicht, fragte nicht nach, strich dem Kind nicht über den Kopf. Sie war nur ganz entspannt und präsent für sie da.

Genau darin liegt oft ein Missverständnis, wenn wir über das Zuhören sprechen. Wir denken an eine Fähigkeit, die man trainieren kann, an eine Technik, an das richtige Nicken zur richtigen Zeit, an die passende Rückfrage. Doch was die Patentante ihrer Nichte geschenkt hat, war keine Methode. Es war eine Haltung.

Diese Haltung beginnt an einem Punkt, den viele überspringen: die eigenen Ansichten, Ziele und Geschichten für einen Moment beiseite zu legen. Nicht für immer, nicht als Verzicht, nur für die Zeit, die dieses Gespräch braucht. Aufzuhören, im Kopf schon die eigene Meinung zu formulieren, die nächste Frage vorzubereiten oder eine ähnliche Situation aus deinem eigenen Leben danebenzuhalten. Stattdessen bereit zu sein, die innere Welt des anderen Menschen zu erkunden, so wie sie gerade ist, nicht so, wie du sie gern einordnen würdest.

Bekannte Konzepte sind das Aktive Zuhören nach Carl Rogers und das Konzept des Deep Listening

Für ein vierjähriges Kind fühlt sich das an wie ein sicherer Ort. Für einen Erwachsenen in einer Krise übrigens auch. Da unterscheiden wir uns gar nicht so sehr, wie man vielleicht denken könnte.

Was diese Haltung so schwer macht, ist genau das, was sie so wirksam macht: Du musst nichts leisten. Kein Problem lösen, keine passende Antwort finden, keine Situation retten. Du musst dich nur zurücknehmen und Platz machen.

Diese Haltung ist in unserer schnellen, auf Ziele und Ergebnisse getrimmten Welt ungewohnt. Und in der Schule lernen wir das auch nicht unbedingt.in der Regel nicht

Für diejenigen von uns, deren Profession es ist zu helfen, zu ordnen und zu managen, ist dieses Zurücktreten oft eine größere Anstrengung als zu handeln und nach konkreten Lösungen zu suchen.

Wirklich Zuhören heißt nicht Selbstaufgabe

An dieser Stelle könnte leicht ein Missverständnis entstehen. Viele verwechseln Zuhören mit endloser Empathie und Selbstaufgabe.

Überspitzt ausgedrückt: Bei Gesprächen wenig zu sagen und alles über sich ergehen zu lassen, heißt nicht, dass man wirklich zuhört. Im Gegenteil, das Unterdrücken der eigenen Bedürfnisse und Gefühle führt eher dazu, dass man noch mehr mit sich selbst beschäftigt ist und gar nicht frei für den anderen.

Wirklich Zuhören schließt auch nicht aus, an geeigneter Stelle offen zu sagen, was uns bewegt, oder zu reden, wie uns „der Schnabel gewachsen ist“. Einwände, Nachfragen, ein klares Wort zur rechten Zeit, gehören genauso zu einer echten Begegnung wie das Zuhören.
Darüber habe ich zum Beispiel hier ausführlich geschrieben.

Es geht nicht um ein Entweder-Oder, Reden oder Schweigen. Es geht um die Fähigkeit, wahrzunehmen, was dein Gegenüber in dem Moment gerade braucht. Manchmal ist das Raum-geben. Manchmal eine Frage. Manchmal ein Halbsatz, der dem anderen hilft, an seinem Thema dranzubleiben,

Wirkliches Zuhören ist kein Verzicht auf sich selbst. Im Gegenteil: Es ist eine Art Zurücktreten und Lauschen auf die leisen Töne, auf das, was mitschwingt, in den Worten, in der Situation, im körperlichen Ausdruck. Dafür müssen wir präsent sein, entspannt, ganz bei uns, ohne Gedanken an gestern oder morgen und was wir noch über all das und die Beziehung denken. Und bewusst dem Raum geben, was ist, weil wir spüren, dass genau das gerade dran ist.

Was es braucht, und was nicht

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie du das jeweils wissen kannst in der Situation. Die gute Nachricht: es gibt kein Skript dafür. Keinen Katalog aus Verhaltensweisen, den du Punkt für Punkt abarbeitest. Genau das wäre wieder Technik, und darum geht es nicht.

Manchmal reicht ein aufmerksamer Blick. Manchmal ein leises Hmmm, das signalisiert, dass du noch da bist, ohne den Redefluss zu unterbrechen. Manchmal eine kurze Nachfrage, die zeigt, dass du wirklich mitgehst. Manchmal ein kurzes: Meinst du, …?

Was zählt, ist nicht ein bestimmtes Verhalten, sondern sich selbst auf Empfang zu stellen und den Regler für Aktivität und Handeln herunter zu dimmen. Dann spüren wir viel leichter, was der andere braucht.. Der eine braucht dein Schweigen. Die andere braucht dein Reden lassen, ohne jede Unterbrechung. Ein Dritter braucht vielleicht nur, dass du neben ihm sitzt, wortlos, während er selbst herausfindet, was er sagen will.

Das gilt sich nicht nur für Situationen am Küchentisch, sondern auch im Berufsalltag. Eine Kollegin kommt nach einem schwierigen Gespräch zu dir und beginnt zu erzählen, was sie gerade beschäftigt. Der Reflex ist nachvollziehbar, gleich Lösungen anzubieten, eigene ähnliche Erfahrungen einzuwerfen oder das Gespräch schnell in eine konstruktive Richtung zu lenken.

Manchmal ist das auch hilfreich. Oft aber braucht es das gar nicht, sondern nur jemanden, der zuhört, ohne gleich einzuordnen oder zu bewerten, der ihr Zeit lässt, selbst zu sortieren, was sie eigentlich sagen will. Was du dabei tust, ist im Grunde dasselbe wie die Patentante auf dem Gartenfest: Du bist da, ohne das Gespräch zu kapern.

Was auf jeden Fall dazugehört:

  • dass du mit allen Wahrnehmungskanälen bei der Sache bist, nicht nur mit den Ohren,
  • dass du wahrnimmst, was zwischen den Worten mitschwingt, in der Körperhaltung, in der Stimme, in den Pausen,
  • dass du deine Themen, Meinungen und Erfahrungen außen vor lässt ((Und ich weiß, das ist manchmal das Schwierigste …),
  • dass du nicht einem inneren Regelbuch folgst, sondern dem, was du in diesem Moment tatsächlich spürst.

Der Gewinn für dein Gegenüber und die Beziehung

Gehen wir noch einmal zurück zu der Vierjährigen und ihrer Patentante.

Die Kleine bekommt die Erfahrung, dass seine Welt gerade wichtig genug ist, um ganz gehört zu werden. Nicht bewertet, nicht korrigiert, nicht in die richtige Reihenfolge gebracht. Einfach nur gehalten. Für ein Kind, das gerade eine Trennung der Eltern verarbeitet, kann das einen entscheidenden Unterschied in seiner Entwicklung machen.

Für die Beziehung zwischen den beiden verändert sich in diesen wenigen Minuten etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt: Es entstehen Bindung und tiefes Vertrauen, man kann sogar sagen, Urvertrauen. Das wächst nicht durch große Gesten, sondern durch genau solche kleinen, unspektakulären Momente, in denen jemand sicher und verlässlich da ist, und uns hält und hilft, wenn wir Schritte ins Unbekannte tun müssen.

Das Mädchen wird sich später kaum an dieses Gespräch erinnern. Aber das Gefühl, das dabei entstanden ist und die Bindung zu ihrer Patentante, das wird einer Kraftquelle für sie bleiben.

Diese Wirkung von echtem Zuhören zeigt sich übrigens weit über Kindergespräche hinaus. Vielleicht hast du das auch selbst schon einmal erlebt, wie die dir Dinge plötzlich von selbst klar und bewusst wurden, als dir jemand aufmerksam zuhörte.

Michael Ende hat sie in seiner Romanfigur Momo wunderbar eingefangen: ein Mensch, der einfach nur ganz da ist, kann bei seinem Gegenüber Dinge in Bewegung bringen, die keine kluge Frage und kein Ratschlag je erreichen würden. Plötzlich weiß jemand, was er eigentlich will. Ein schüchterner Mensch findet für einen Moment Mut. Jemand, der sich für austauschbar hielt, spürt auf einmal, dass er auf seine eigene Art wichtig ist. Nicht, weil du etwas besonders Kluges sagst, sondern weil du wirklich da bist.

Einem Menschen zuzuhören, ist die größte Form des Respekts.

Thich Nhat Hanh

Oft übersehen: der Gewinn für dich selbst

Das ist die Ebene, die oft übersehen wird. Wenn du deine eigenen Ansichten und Bewertungen für einen Moment beiseite legst, passiert etwas Merkwürdiges: Du kommst dabei nicht weniger bei dir an, sondern mehr.

Ohne die ständige innere Kommentierung, ohne das Vorbereiten der nächsten Antwort, wird es in dir ruhig. Du berührst etwas, dass ich das Ursprüngliche in uns nennen möchte, den Teil, der nicht bewerten oder steuern muss, sondern einfach da sein kann.

Das wird vor allem im Deep Listening beschrieben, einem Konzept, das noch über das aktive Zuhören hinausgeht. Es kommt aus der Achtsamkeitspraxis und bezieht mit ein, dass du dir deiner eigenen Absichten und deiner inneren Haltung bewusst wirst und sie bewusst beiseite stellst, während du dich ehrlich für das Unbekannte und Unerwartete öffnest, bereit, deine eigenen Gedanken zu erweitern. Und dann die Erfahrung zu machen, wie erfrischend und es sein kann, sich einfach einmal auf eine andere Perspektive einzulassen.

Das ist der Grund, warum wirkliches Zuhören sich am Ende so befreiend anfühlt, für dein Gegenüber und für dich selbst. Du musst in diesem Moment nichts kontrollieren und nichts leisten. Du darfst einfach dem zugewandt sein, was gerade ist.

Für den Alltag

Vielleicht nimmst du aus diesem Artikel vor allem eines mit: Um wirklich zuzuhören, musst du nicht mehr tun. Du darfst weniger tun.

Das nächste Mal, wenn du merkst, dass jemand ein Thema, ein Problem oder eine Entscheidung mit sich herumträgt, oder wenn jemand von etwas Schwerem betroffen ist, versuch einmal Folgendes:

  • Lass deine Wünsche nach Ergebnissen und Zielen beiseite.
  • Sei konzentriert und aufmerksam.
  • Sein Atem hilft dir ruhig und tiefenentspannt zu bleiben.
  • Halte Gesprächspausen aus und fülle sie nicht gleich.
  • Widersteh der Versuchung, deinen eigenen „Senf“ dazuzugeben, auch wenn du Ähnliches erlebt hast oder eine eigene Meinung dazu hast
  • Versuche, mit dem ganzen Körper zuzuhören. Das macht dich präsent und lässt dich mitbekommen, was zwischen den Worten mitschwingt.

Vielleicht wird daraus kein großer Moment. Vielleicht bemerkt der andere es nicht einmal bewusst. Aber irgendetwas verändert sich, für ihn, für die Beziehung, für dich. Und manchmal ist das genau die Art von Wirkung, die am längsten bleibt.

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Bildnachweis

Titel: Womans hands hug a tree by puhimec from Getty Images@canva

Kerstin Pletzer

Konfliktcoach, Mediatorin & Supervisorin
Ich bin Kerstin, Jahrgang 1960, und beschäftige mich damit, Gespräche wieder möglich zu machen: über Belastendes, Übersehenes, Verdrängtes. Mich interessiert jedes Gesprächsformat – tiefgründig, alltäglich oder herausfordernd, am Küchentisch, unterwegs oder mitten im Arbeitsalltag. Für mich gehört ein gutes Gespräch zu den stärksten menschlichen Erfahrungen. Hier schreibe ich über das, was dabei hilft, Verständigung herzustellen und Verbindung zu halten.

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