Hast du es auch bemerkt? Diese neue Zurückhaltung im Umgang miteinander.
Es ist nicht so, dass man es sofort merken würde. Die Oberfläche ist intakt. Wir grüßen uns, sprechen miteinander, arbeiten zusammen. Aber unter dieser Oberfläche? Da hat sich etwas verschoben.
Menschen sind vorsichtiger geworden. Sie taktieren mehr, gehen bestimmten Themen aus dem Weg. Konflikte werden weniger ausgetragen, eher vermieden – oder über Verfahren und Regeln gelöst. Als ließe sich das Risiko von Beziehung auf diese Weise eindämmen. Eine Reserviertheit. Ein inneres „Lieber-nicht-zu-nah-ran“.
Manche prüfen sehr genau, wem sie was sagen oder auch nicht.
Ich selbst merke es an den Klickzahlen. Meine Blogartikel über Vertrauensbruch und Vertrauensverlust werden durchgehend am meisten gelesen – nicht die über Kommunikationstipps, nicht die über Konfliktlösung. Monat für Monat. Als wäre da ein kollektiver Nerv getroffen, den niemand laut benennen mag.
Viele spüren das. Auch wenn nicht alle darüber sprechen.
Denn wenn dieser Befund stimmt – und vieles deutet darauf hin –, dann müssen wir hinschauen. Nicht irgendwann. Jetzt.
TL;DR
Spürst du es auch? Diese neue Vorsicht, dieses „lieber nicht zu nah ran“? Studien erklären den Vertrauensverlust mit Digitalisierung, Globalisierung, Komplexität und sozialen Medien – aber sie übersehen etwas: Wir haben kollektiv erlebt, dass Verbindung gefährlich werden kann. Diese unverarbeitete Erfahrung wirkt noch heute. Und der Weg zurück beginnt nicht mit Appellen, sondern mit Selbstvertrauen.
Es ist nicht nur ein Bauchgefühl.
Das, was ich seit längerem beobachte, hat inzwischen einen Namen bekommen: Vertrauensverlust.
„Wem kann man eigentlich noch vertrauen. Worauf kann man sich noch verlassen. Das ist doch DIE Frage überhaupt gerade …“
Dieser Satz fiel vor ein paar Wochen in einem Gespräch mit einer Kollegin bei einer Tasse Kaffee. Sie sagte das nicht als Frage, sondern fast wie eine Feststellung. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle im sozialen Bereich, hört viel, sieht viel. Aber dass sie das sagte, nicht als Fallbeschreibung über andere, sondern als ihre eigene Erfahrung, das saß.
Und es sagt nicht nur sie. Die Diagnose ist inzwischen überall:
Laut der Edelman Trust Studie 2025 hegten 69 % (!) der Befragten einen moderaten oder starken Groll gegenüber Regierung, Unternehmen und den Wohlhabenden, welcher das gesellschaftliche Vertrauen unter Druck setze. Das ist keine Randerscheinung mehr.
Groll, ein altmodisch anmutendes Wort. Aber was ist das eigentlich?
Groll (lt. Duden)
heimliche, eingewurzelte Feindschaft oder verborgener Hass, zurückgestauter Unwille, der durch innere oder äußere Widerstände daran gehindert ist, sich nach außen zu entladen, und Verbitterung hervorruft.
69 % der Menschen tragen also diesen ‚zurückgestauten Unwillen‘ in sich – gegenüber denen, die zum Teil auch immer wieder beschwören, wie wichtig das Vertrauen sei. Das ist keine Wut, die sich entlädt und dann vorbei ist. Das ist etwas, das im Untergrund wirkt.
Der Publizist und Autor Sascha Lobo schreibt über Die große Vertrauenskrise, der Soziologe Aladin El-Mafaalani über Misstrauensgemeinschaften. Die Regale sind voll mit diesen Themen.
Die Erklärungen gehen im großen und Ganzen in eine ähnliche Richtung: Die Welt ist komplexer geworden, unübersichtlicher; soziale Medien verstärken Polarisierung; Menschen suchen nach einfachen Antworten auf schwierige Fragen; Fake News, Filterblasen, Demokratiekrise, Finanzprobleme, Ungleichheit.
Alles richtig und nachvollziehbar.
Dennoch: Fehlt da nicht etwas?
Der Elefant im Raum
Zwei Dinge weiß ich aus meiner Arbeit als Mediatorin:
1.Manchmal gibt es in Gruppen und Großgruppen das Phänomen des berühmten Elefanten im Raum. In der Regel ist es ein großes, offensichtliches Thema, das nicht angesprochen wird, obwohl alle wissen, dass es da ist. Weil es heikel ist, schwierig, zu kontrovers oder konflikthaft. Aus Scham, aus Sorge, jemanden zu verletzen oder ein Tabu zu brechen. Das Schweigen aber verstärkt die Spannung und verhindert echte Lösungen.
2. Wenn das Vertrauen in sozialen Beziehungen im Keller ist, in der Familie, in einem Team, in einer Gemeinschaft, hat das Folgen: Ohne Vertrauen wird alles schwieriger. Es gibt weniger Verbindung, Resonanz und Empathie. Alles fühlt sich unsicherer und riskanter an. Es fließt viel Aufmerksamkeit in Abgrenzung und Schutz. Ein kreatives Miteinander, ein entspanntes Entwickeln und Lernen sind kaum möglich.
Und wie ist das bei dir?
Lass mich dich etwas fragen – nicht als Test, sondern als Einladung, ehrlich hinzuschauen:
Wann hast du zuletzt innerlich abgewogen, ob du etwas sagen sollst oder nicht?
Nicht, weil es unhöflich gewesen wäre. Nicht, weil es der falsche Zeitpunkt war. Sondern weil du gespürt hast: Das könnte schwierig werden. Das könnte Ärger geben. Das könnte die Beziehung belasten.
Gibt es Menschen in deinem Umfeld, mit denen du früher offener warst? Mit denen du heute bestimmte Themen meidest? Vielleicht, ohne dass ihr je darüber gesprochen habt, dass diese Themen jetzt tabu sind?
Und was macht das mit dem Vertrauen?
Wenn wir anfangen, Themen zu sortieren – in „sichere“ und „riskante“ –, dann verändert sich die Qualität unserer Beziehungen. Wir zeigen uns nicht mehr mit offenem Visier. Wir halten etwas zurück, werden strategisch.
Das ist Selbstschutz und sehr verständlich. Aber es hat auch einen Preis.
Deshalb ist es wirklich wichtig , dass wir verstehen, warum das Vertrauen gerade so massiv schwindet. Nicht nur die offensichtlichen Gründe nennen. Sondern hinschauen auf das, was darunter liegt. Auf das, worüber keiner spricht.
Der Blinde Fleck
Was mich an vielen klugen Analysen zum Vertrauensverlust irritiert: Sie kreisen um Symptome. Um Strukturen, Technologien und Trends. Aber das ganz konkrete Ereignis, die kollektive Erfahrung, die uns alle jüngst betroffen hat – darüber wird kaum gesprochen.
Kennst du das? Diese Momente, wo dir jemand sagt: „Seit Corona ist unsere heile Welt vorbei“ oder „Irgendwie ist seit einiger Zeit alles out of control …“
Ich höre das immer wieder. Und ich spüre es auch. Als diffuse Unruhe. Als ob sich etwas Grundlegendes verschoben hat, nicht nur politisch, nicht nur gesellschaftlich, sondern zwischen uns Menschen.
Und was mich wirklich stutzig macht: Dass genau darüber so wenig gesprochen wird. Nicht in den Studien, nicht in den Büchern, nicht in den Talkshows. Oft nicht einmal im eigentlich vertrauten privaten Rahmen. Als hätten wir kollektiv beschlossen: Vorbei, Schwamm drüber, nach vorne schauen.
Aber was, wenn genau das Teil des Problems ist?
Was, wenn der Vertrauensverlust, den wir gerade erleben, nicht nur mit Globalisierung, Digitalisierung und Komplexitätsstress zu tun hat, sondern mit etwas, das uns allen passiert ist, und das wir nicht verarbeitet haben?
Um das zu erklären, muss ich kurz einen Umweg über etwas gehen, das zunächst einmal nichts mit Gesellschaft zu tun zu haben scheint, aber in Wahrheit das Fundament von allem ist: Bindung.
Vertrauen entsteht in der Bindung
Psychologisch gesehen entsteht Vertrauen in der Kindheit. In der Bindung zu unseren ersten Bezugspersonen. Ein Kind wird in diese Bindung hineingeboren. Es schreit, es äußert sich, es kann noch nicht sprechen. Und die Bezugsperson antwortet: Sie deutet die Gefühle, nimmt sie ernst, hält das Kind in seiner momentanen Situation, beruhigt und tröstet es.
Das sind Grundformen von Kommunikation und von Beziehung: Innere Regungen ausdrücken, gesehen, ernst genommen, gehalten werden. Eine Antwort bekommen.

Und genau in dieser Bindungsbeziehung entscheidet sich wie sicher – oder unsicher – unser Urvertrauen oder Grund-Vertrauen sich entwickelt („Basic Trust“, nach dem Entwicklungspsychologen Erik H. Erikson).
Erfahre hier mehr darüber.
„Der Mensch wird am Du zum Ich“ – so hat es der Philosoph Martin Buber auf den Punkt gebracht.
Urvertrauen (n. Wikipedia)
Nach Erikson erwirbt der Säugling im ersten Lebensjahr, in der oralen Phase Freuds, ein Grundgefühl, welchen Situationen und Menschen er vertrauen kann und welchen nicht. Es erlaubt dem Menschen, seine Umwelt differenziert wahrzunehmen und zu beurteilen, und entspricht in der Gefühlsqualität der optimistischen Zuversicht des Erwachsenen im selbstvertrauenden Umgang mit der Welt.
Grundvertrauen geht einher mit Selbstvertrauen, dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wir trauen uns heraus, probieren, machen Erfahrungen, verinnerlichen sie, gehen neue Schritte. So entwickelt sich unser Vertrauensverhältnis zur Welt. Und so lernen wir.
Entscheidend ist dabei: Bindungsqualität und die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, hängen eng zusammen.
Und das bleibt auch wichtig, wenn wir erwachsen sind: das Bedürfnis, gehalten, gespiegelt und validiert zu werden, während wir uns so zeigen können, wie wir sind. Darum fühlen wir uns so wohl mit Menschen, die nicht verurteilen, die offen sind und eine große innere Resonanzfläche bieten.
Bindung. Verbindung. Das ist die Basis. Ohne sie ist Entwicklung schwierig, ob individuell oder in der Gesellschaft.
Und genau diese Basis hat Risse bekommen
Jetzt komme ich zu dem Punkt, der in den letzten Jahren passiert ist – und der in all den Studien, Büchern und Analysen zum Vertrauensverlust so selten erwähnt wird:
Wir haben kollektiv eine Misstrauens-Erfahrung gemacht: Kontakt meiden müssen, in die Distanz zu gehen, andere Menschen als potenzielle Gefahr wahrnehmen oder selbst als Gefahr wahrgenommen werden.
Kontakt war plötzlich gefährlich.
Seine eigene Meinung, sich-selbst-vertrauend, zu vertreten, war gefährlich. Zumindest hatte es unter Umständen hohe soziale Kosten.
Auf der einen Seite: Furcht vor dem Verlust von Gesundheit.
Auf der anderen Seite: Furcht vor dem Verlust von Freiheit.
Und dazwischen: nicht mehr zu wissen, mit wem man noch vertrauensvoll über all das reden kann. Weil alle irgendwie mit im Boot waren. Weil es keine neutrale Zone mehr gab.
Es war nicht mehr klar: An wen kann ich mich halten? Wer hat recht? Was ist die Wahrheit?
Und so haben sich viele von uns mehr und mehr auf sich selbst zurückgezogen. Haben den Stress der Auseinandersetzung vermieden. Haben Themen umschifft oder ausgeblendet. Manche haben Kontakte abgebrochen. Anderen erlebten es, aktiv „gecancelt“ zu werden oder zumindest sehr unter Druck zu kommen, in der Familie, in Freundschaften, am Arbeitsplatz.
Wenn wir das betrachten, wirklich betrachten, dann ist da etwas unglaublich Schmerzhaftes passiert.
Die Schweizer Psychoanalytikerin Jeannette Fischer ist eine der wenigen, die das thematisieren. Ich bin sehr dankbar, dass sie auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht hat. Denn plötzlich fügte sich auch für mich etwas zusammen.
Das Vertrauen in Bindung selbst wurde erschüttert.
Es geht nicht nur um das Vertrauen in Institutionen, in Experten oder in die Politik.
Es geht vor allem um das Vertrauen darin, dass die Verbindung zu anderen Menschen trägt. Es geht um diese Grundkonstante in unserem Leben. Das Grundbedürfnis, zugehörig und anerkannt zu sein. Das Gefühl, verbunden zu bleiben, auch wenn wir uns zeigen, auch wenn wir eine andere Wahrnehmung, andere Bedürfnisse und Ziele haben.
Aus meiner Sicht ist diese Erschütterung nicht richtig geheilt. Allenfalls oberflächlich. Sie ist mitverantwortlich für das, was wir jetzt erleben.
Warum kaum jemand darüber spricht
Weil das alles so schmerzhaft ist, tun wir das, was wir Menschen immer mit schwierigen Erfahrungen tun: Wir verdrängen und wehren ab.
Das ist kein Vorwurf. Das ist zutiefst menschlich.
Wie tun wir das? Psychologisch gesehen durch die klassischen Abwehrmechanismen: Wir unterdrücken diese Erfahrung, blenden aus, suchen rationale Rechtfertigungen, schreiben anderen die Schuld zu, beschönigen im Nachhinein oder suchen Halt in Autoritäten. Wir tragen ein emotionales Paket mit uns herum, ohne den Schmerz dahinter zu spüren.
Aber natürlich ist er trotzdem da.
Und weil die Dinge irgendwie nach Ausdruck drängen, kommen sie vielleicht an ungeeigneten Stellen hervor: In den sozialen Medien, wo man – anonym – mal so richtig vom Leder ziehen kann. Im Privaten. In plötzlichen Überreaktionen. In einer Gereiztheit, die wir selbst nicht so recht einordnen können.
Das entspricht auch dem, was ich in meiner Arbeit als Mediatorin immer wieder erlebe: Die Menschen streiten über Sachthemen, aber darunter liegt immer etwas ganz anderes: schwierige Emotionen und Beziehungsthemen. Und bevor diese nicht angeschaut werden, kommt man in der Sache nicht weiter.
Warum auch die Experten schweigen
In all den schlauen Werken, Studien und Analysen zum Vertrauensverlust wird auf dieses Thema kaum eingegangen, verständlich soweit.
Denn alle – alle – sind ja Teil des Ganzen gewesen. Die Wissenschaftler, die Autoren, die Experten, die Journalisten. Niemand steht außerhalb. Niemand kann mit neutralem Blick von außen draufschauen. Vielleicht ist es auch für sie zu nah. Zu schmerzhaft. Zu unverarbeitet. Vielleicht haben auch sie Angst vor den sozialen Kosten, die es haben könnte, dieses Thema wirklich anzufassen.
Ich merke es sogar an mir selbst, während ich diesen Text schreibe. Da ist ein Teil in mir, der lieber nicht damit rausgehen möchte. Der unter dem Radar bleiben will. Der sich fragt: Muss ich das wirklich veröffentlichen?
Auch ich muss mich etwas überwinden – und mein Selbstvertrauen aktivieren, aber dazu gleich mehr – um meine Gedanken zu diesem Punkt zu äußern. Gerade, weil das Thema so sensibel ist. Weil es so viele kontroverse Meinungen dazu gibt. Weil ich nicht weiß, wie Menschen reagieren werden.
Und genau das zeigt, wie tief das Thema sitzt.
Und so bleibt der Elefant im Raum.
Wir analysieren die Symptome. Wir diskutieren über Algorithmen und Filterblasen. Wir beklagen die Polarisierung. Aber den eigentlichen Schmerz? Den benennen wir nicht.
Der Preis des Schweigens
Was passiert, wenn wir nicht hinschauen?
Wir können natürlich einfach so tun, als wäre das alles nicht so schlimm. Nach vorne schauen. Positiv denken. Weiter in der Tagesordnung. Das funktioniert, eine Weile zumindest. Aber es hat einen Preis.
Wenn wir nicht fühlen wollen, führt das zu einer ständigen diffusen Unzufriedenheit und Ärger. Es entwickelt sich eine Art Taubheit, weil wir irgendwann aufhören müssen zu fühlen, wenn der Schmerz zu groß wird. So verlieren wir unseren inneren Kompass.
Und dann werden wir anfällig.
Anfällig für Heilsversprechen aller Art. Für Autoritäten und Experten, die Lösungen versprechen, ob aus der Wissenschaft oder aus alternativen Ansätzen. Wir suchen immer jemanden, der es schon wissen wird. Der uns sagt, was richtig ist. Der uns die Verantwortung abnimmt. Letztlich ist das eine Form der Unmündigkeit. Und dann sind wir leicht zu lenken und zu leiten, und merken das nicht einmal.
Das ist keine Form von selbstbestimmtem, freiem Leben.
Ja, es gibt viele neue Problemlagen. Vieles, was in der Welt passiert, das wir lange nicht kannten. Die Klimakrise, die Kriege, die Unsicherheit. Und genau darum brauchen wir die Fähigkeit, auch über Schwieriges im Gespräch bleiben zu können.
Darum noch einmal: Ich glaube, im Kern ist ein Teil der schlechten Stimmung, des mangelnden Vertrauens, des gesellschaftlichen Unmutes den noch nicht verarbeiteten Erfahrung der letzten fünf Jahre geschuldet.
Und es ist verständlich und nachvollziehbar, wenn man überlegt, wie tief uns das getroffen hat. Aber Verständnis allein reicht nicht.
Veränderung passiert nur, wenn wir wirklich ehrlich mit uns sind.
Was jetzt zu tun ist
Die gute Nachricht: Vertrauen lässt sich zurückgewinnen. Auch nach tiefen Erschütterungen.
Der Wunsch und die Bereitschaft sind da. Das ist auch jetzt jedes Mal spürbar in Situationen, wo Menschen die Sicherheit haben, sich vertrauensvoll öffnen zu können.
Die andere Nachricht: Es geht nicht mit Appellen, wie wichtig Vertrauen doch ist. Nicht, indem wir einfach wieder anfangen, auf Gemeinschaftlichkeit zu setzen und ein neues WIR beschwören. Das ist Makulatur – und sollte erst recht misstrauisch machen.
Denn Vertrauen braucht als allererstes Selbstvertrauen. Sonst wird es naiv und vertrauensselig. Und dann haben wir kein Vertrauen, sondern eine Art Abhängigkeit und ungesunde Hierarchien.
Es kann manchmal gute Gründe geben, NICHT zu vertrauen – Gründe, die mit Selbstfürsorge und Integrität zu tun haben.
Vertrauen kann man nicht machen.
– Raymond Unger
Vertrauen stellt sich ein, wenn man weiß, wer man eigentlich wirklich ist.
Darum führt der Weg zurück über etwas anderes. Darüber Vertrauen in sich selbst – Selbst-Vertrauen – wiederzugewinnen. Weil das die Basis ist für gesunde und erwachsene zwischenmenschliche Bindung, innerhalb welcher Auseinandersetzung und Reibung möglich sind.
Das Gute: für diesen Weg kann sich jede und jeder verantwortlich entscheiden.
Selbst-Vertrauen wiedergewinnen
Schritt 1: Anerkennen und eingestehen
Zunächst müssen wir anerkennen, dass uns da etwas sehr Wichtiges verloren gegangen ist. Dass etwas Essenzielles – in und zwischen uns – beschädigt wurde.
Ohne dieses Anerkennen, oder, anders ausgedrückt, ohne diese Erfahrung wirklich zu uns zu nehmen, kommen wir nicht weiter.
Wir können nicht heilen, was wir nicht benennen.
Und ja, das ist schwer. Denn es bedeutet, innezuhalten. Nicht weiterzumachen wie gewohnt. Nicht so zu tun, als wäre alles okay, nur weil an der Oberfläche alles funktioniert.
War das nicht immer so, zu allen Zeiten? Dass wir nach Krisen und schwierigen Erfahrungen die Ärmel aufgekrempelt und nur noch nach vorne geblickt haben, ohne erst einmal zu verarbeiten, was gewesen ist?
Das ist alles menschlich und emotional sehr verständlich. Aber es hilft nichts, denn wenn wir nicht hinschauen, trägt es sich weiter. Der unverarbeitete Schmerz bleibt. Verletzungen und Kränkungen bleiben. Das Misstrauen bleibt. Alles Unverarbeitete sucht sich seine Wege, bis es verstanden wird. Manchmal sogar erst in der nächsten Generation.
Schritt 2: Zurück zum Ursprung
Es geht darum, dorthin zurückzugehen, wo die Beschädigung entstanden ist. Sie zu benennen. Sie zu fühlen. Sie auszuhalten.
Das klingt vielleicht dramatisch. Aber es meint etwas sehr Konkretes:
Sich selbst ehrlich zu beantworten:
- Was habe ich in den letzten Jahren erlebt?
- Was hat es mit mir gemacht?
- Wo habe ich mich verletzt gefühlt – und habe das vielleicht nie ausgesprochen?
- Wo habe ich geschwiegen, obwohl ich etwas sagen wollte?
- Wo habe ich Verbindungen abgebrochen, die mir wichtig waren – aus Angst, aus Überforderung, aus Selbstschutz?
- Wo habe ich andere verurteilt? Wo wurde ich selbst verurteilt?
- Wo habe ich mich nicht so verhalten, wie ich es von mir denken würde – aus Angst, aus Stress, aus Unwissenheit?
Das sind keine angenehmen Fragen. Aber sie sind wichtig.
Denn in diesen Fragen liegt der Ursprung dessen, was heute noch wirkt. Der Groll. Die Vorsicht. Diese unsichtbare Distanz.
Schritt 3: Gefühle durcharbeiten
„In den Schmerz zurückgehen“ bedeutet nicht, sich darin zu verlieren oder den Schmerz festzuhalten.
Es bedeutet: dem Raum zu geben, was da ist. Und das durchzuarbeiten.
Vielleicht ist es Trauer. Über verlorene Verbindungen. Über verlorenes Vertrauen.
Vielleicht ist es Wut. Über das, was passiert ist. Über das, was man selbst erlebt hat oder wie man behandelt wurde.
Vielleicht ist es Scham. Über die eigenen Anteile. Darüber, dass man sich vielleicht nicht so verhalten hat, wie man gerne gewollt hätte.
All das darf da sein.
Und es braucht, was die Bindungsforschung beschreibt: gehalten, gespiegelt, validiert werden. Vielleicht im Gespräch mit jemandem, dem du vertraust. Vielleicht in der Therapie. Vielleicht auch erstmal nur für dich selbst, indem du dir erlaubst, ehrlich zu sein mit dem, was war.
Schritt 4: Verantwortung übernehmen
Verantwortung übernehmen heißt nicht, dir oder anderen Schuld die Schuld zu geben für das, was war. Was auch wiederum nicht bedeutet, reale Verantwortlichkeiten zu ignorieren – aber das wäre ein Thema für sich.
Hier meine ich damit, Verantwortung dafür zu übernehmen, dein eigenes Selbstvertrauen zu regulieren und zu bewahren.
Und das ist nicht einfach.
Denn wenn du mit Selbstvertrauen raus in die Welt gehst, kommst du unweigerlich in Reibung mit deiner Umgebung. Du wirst nicht jedem gefallen. Du wirst anecken. Menschen werden anderer Meinung sein, werden dich vielleicht ablehnen, werden irritiert reagieren.
Das ist nicht angenehm. Aber es ist unvermeidlich.
Denn echtes Selbstvertrauen bedeutet: Ich traue mir zu, ich selbst zu sein – auch wenn das unbequem und anstrengend wird. Auch, wenn es Auseinandersetzung bedeutet. Auch, wenn wir nicht wissen, wie es ausgeht.
Darauf zu vertrauen, dass genau diese Auseinandersetzung in der Bindung möglich ist und die Verbindung hält – auch wenn es schwierig wird. Die Einheit des anderen zu akzeptieren, auch wenn es diametral entgegensetzt zu meinen Überzeugungen steht. Und auf dieser Basis, in der Reibung, in Verbindung bleiben.
Das ist Verantwortung: Nicht perfekt sein. Nicht alles richtig machen. Sondern sich selbst treu bleiben und von dieser Basis aus in Kontakt treten. Echte Bindung hält das aus.
Der Anfang liegt bei uns
Vertrauen lässt sich wieder aufbauen. Es dauert. Es verläuft nicht geradlinig. Und ja, manchmal tut es weh. Aber es lohnt sich.
Denn was ist die Alternative? Weitermachen wie bisher. In diffusem Groll, in Vorsicht, in dieser inneren Zurückhaltung, die uns spürbar voneinander trennt.
Oder wir entscheiden uns anders: Hinschauen. Anerkennen, was war. Fühlen, was noch da ist. Verantwortung übernehmen für den eigenen Anteil. Und von dort aus – Schritt für Schritt – das Vertrauen zurückgewinnen. Erst in uns selbst. Dann in der Verbindung zu anderen.
Ja, wir brauchen auch gesellschaftliche Veränderungen. Politische Aufarbeitung. Institutionelle Verantwortung. Das eine schließt das andere nicht aus. Eine gesunde Gesellschaft beginnt auch bei den Einzelnen. Was in uns ist, wirkt nach außen.
Das heißt nicht, dass alles an uns hängt. Aber es heißt: Wir können anfangen. Heute. Mit einer dieser Fragen. Mit einem ehrlichen Gespräch. Mit einem Moment des Innehaltens.
Vielleicht merkst du dann: Du bist nicht allein mit dem, was du spürst.
Und vielleicht reicht genau das für den Anfang.
Wenn dich dieser Artikel berührt hat – ob zustimmend, zweifelnd oder fragend, schreib mir gerne. Ich lese jede E-Mail und antworte auch.
Weiterlesen
https://kerstin-pletzer.de/vertrauensbruch-so-gewinnst-du-boden-unter-den-fuessen/
https://kerstin-pletzer.de/urvertrauen-verstehen-und-wiedergewinnen/
https://kerstin-pletzer.de/tipps-schwierige-gespraeche/
Tipp
Wenn dich die Sichtweisen der Schweizer Psychoanalytikerin Jeanette Fischer interessieren, google einfach einmal ihren Namen. Du findest im Netz viele interessante Videos und Artikel zu den Themen: Narzissmus, Bindung, Gewalt, Macht, Ohnmacht, Konflikt.
Bildnachweis
Titel: Broken Glass Wallpaper by the happiest face =) from Pexels@canva
Kind an der Hand: by Aflo Images from アフロ(Aflo@canva





Guten Tag
Betrug und Lüge ist das Zentral Element unseres Kapitalismus. Auch unser Christlicher und Moralischer Unterbau ist nichts anders. Manipulation, Lüge, Machtmissbrauch, Das war in der Geschichte der Menschheit immer schon so.
Wir fühlen uns Betrogen wenn der Partner seelische oder Körperlich zuwendung von anderen Bekommen hat. So als gäbe es en Reicht an dem anderen. Ja wir lassen uns Scheiden, wenn der andere „Fremd“ gegangen ist. Wir verwechseln Vertrauen mit Besitz.
Vertrauen bedeutet, das andere Menschen ihre Beweggründe offen legen, das sie mit sich offen sind. Das heißt auch das wir es aushalten müssen, nicht so zu sein wie die anderen uns gern hätten, und auch aushalten zu Müssen, das wir nicht mal so sind wie wir selbst gern wären. Vertrauen ist nicht erst Seit Corona angeschlagen, Corona brachte nur die Egozentrik zu Tage, Ich will alles haben aber keine Gegenleistung erbringen, die Verletzlichkeit anderer Menschen ist mir Egal.
Ein Grundsatz Problem großer Gesellschaften, den wenn ich jemanden Persönlich nicht kenne, gibts auch kein Mitgefühl und Berührtheiten.
Gesellschaftstruktur, Politik, Wirtschaftsysteme, Machtpositionen, bassieren immer noch auf einer Psychischen Grundfehleinschätzung MANGEL.
Der Kapitalismus ist der Motor. Konsum die Religion. Beides nur in dem Masse von heute so Möglich über die Lüge. Keine Dienstleistung oder Produkt, oder Populistische Idee usw hält was sie Verspricht. Die Lüge ist der Schlüssel zur Ausbeutung aller.
Wenn wir also von schwindenen Vertrauen Sprechen bleibt einem nichts anderes Übrig als sich unsere Lebensprinzipien anzusehen.
Die Welt ist „EIGENTLICH“ wie ein Cassino. Wer nicht reizt, pokert, blöft, verliert. Eine weitere Fehleinschätzung ist, Bedingungslosigkeit in der Liebe, Bedürfnisslosigkeit. Jede Struktur ob in unserem Sinne Lebendig oder nicht, unterliegt Bedürfnissen und Bedingungen. Es gibt keine Bedingungslosigkeit werden in der Liebe, oder zu sich oder anderen, oder auch zum Leben und SEIN selbst. Wir reden von Vertrauen und meinen aber passe deine Bedürfnisse bitteschön so an, das sie MIR passen.
Also Vertrauen, Selbstwertschätzung sind schwierige Themen. Trotz aller Widrigkeit und guter und wichtiger Punkt, sich über bestimmt Dinge sich Gedanken zu machen.
Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, das Thema unter einer strukturkritischen Perspektive zu beleuchten und damit eine Ebene einzubringen, die im Artikel selbst zu kurz kommt.
Sie haben vollkommen recht: Die Vertrauenskrise ist nicht erst mit Corona entstanden. Und sie ist nicht allein durch individuelle Verarbeitung zu lösen. Das ist ein wichtiger Punkt, den Sie da in den Fokus rücken. Tatsächlich neigen wir in unserer Gesellschaft dazu, systemische Probleme zu individualisieren – und damit die Verantwortung für strukturelle Missstände bei den Einzelnen abzuladen. „Arbeite an dir selbst, dann wird’s schon“ – während die Strukturen bleiben, wie sie sind.
Ihre Beschreibung der verkappten Anpassungsforderungen beim Thema Vertrauen („Passe deine Bedürfnisse so an, dass sie MIR passen“) trifft einen wunden Punkt. Das ist eine Form von Herrschaft, die sich als Beziehung tarnt. Und Sie benennen zu Recht, dass Kapitalismus und Ausbeutung, Lüge und Manipulation systemisch verankert sind – nicht nur persönliche Verfehlungen.
Gleichzeitig glaube ich, dass sich individuelle und strukturelle Ebene nicht ausschließen müssen. Beides wirkt ineinander. Systeme bestehen aus Menschen – und Menschen reproduzieren Systeme. Oder sie tun es eben nicht. Der Anfang kann bei beiden Enden liegen.
Mein Artikel setzt beim Individuellen an, weil das der Hebel ist, den ich als Mediatorin und Coach in der Hand habe. Aber Sie erinnern daran, dass das nicht reicht. Und das stimmt. Danke dafür.
Herzliche Grüße
Kerstin Pletzer