Hast du es auch bemerkt? Diese neue Vorsicht im Umgang miteinander.
Es ist nicht so, dass gar nichts mehr funktioniert. Die Oberfläche scheint intakt. Wir kommunizieren, wir arbeiten zusammen, wir grüßen uns. Aber unter dieser Oberfläche? Da hat sich etwas verschoben.
Menschen sind vorsichtiger geworden. Sie taktieren mehr, gehen bestimmten Themen aus dem Weg. Konflikte werden nicht mehr ausgetragen, sondern vermieden – oder über Verfahren und Regeln gelöst. Als ließe sich das Risiko von Beziehung auf diese Weise eindämmen. Eine Zurückhaltung. Ein inneres „Lieber-nicht-zu-nah-ran“.
Ich merke es an den Klickzahlen. Meine Blogartikel über Vertrauensbruch und Vertrauensverlust werden durchgehend am meisten gelesen – nicht die über Kommunikationstipps, nicht die über Konfliktlösung. Monat für Monat. Als wäre da ein kollektiver Nerv getroffen, den niemand laut benennen mag.
Viele spüren das. Auch wenn nicht alle darüber sprechen.
Denn wenn dieser Befund stimmt – und vieles deutet darauf hin –, dann müssen wir hinschauen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Worum es geht in diesem Artikel
Spürst du es auch? Diese neue Vorsicht, dieses „lieber nicht zu nah ran“? Studien erklären den Vertrauensverlust mit Komplexität und sozialen Medien – aber sie übersehen etwas: Wir haben kollektiv erlebt, dass Verbindung gefährlich werden kann. Diese unverarbeitete Erfahrung wirkt noch heute. Und der Weg zurück beginnt nicht mit Appellen, sondern mit Selbstvertrauen.
Es ist nicht nur ein Bauchgefühl.
Das, was ich beobachte, hat inzwischen einen Namen bekommen: Vertrauensverlust.
„Wem kann man eigentlich noch vertrauen. Worauf kann man sich noch verlassen …“
Dieser Satz fiel vor ein paar Wochen in einem Gespräch mit einer Kollegin. Wir saßen bei einer Tasse Kaffee zusammen, und sie sagte das nicht als Frage, sondern fast wie eine Feststellung. Das sei die Frage überhaupt gerade. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle im sozialen Bereich, hört viel, sieht viel. Aber dass sie diese Frage stellte – nicht als Fallbeschreibung über andere, sondern als ihre eigene – das saß.
Und sie ist nicht allein. Die Diagnose ist inzwischen überall: Laut der Edelman Trust Studie 2025 hegten 69 % (!) der Befragten einen moderaten oder starken Groll gegenüber Regierung, Unternehmen und den Wohlhabenden.
Groll (lt. Duden)
heimliche, eingewurzelte Feindschaft oder verborgener Hass, zurückgestauter Unwille, der durch innere oder äußere Widerstände daran gehindert ist, sich nach außen zu entladen, und Verbitterung hervorruft.
Der Publizist und Autor Sascha Lobo schreibt über Die große Vertrauenskrise, der Soziologe Aladin El-Mafaalani über Misstrauensgemeinschaften. Die Regale sind voll.
Die Erklärungen gehen im großen und Ganzen in eine ähnliche Richtung: Die Welt ist komplexer geworden, unübersichtlicher; soziale Medien verstärken Polarisierung; Menschen suchen nach einfachen Antworten auf schwierige Fragen; Fake News, Filterblasen, Demokratiekrise, Geldprobleme, Ungleichheit.
Alles richtig. Alles nachvollziehbar.
Dennoch: Fehlt da nicht etwas?
Der Elefant im Raum
Zwei Dinge weiß ich aus meiner Arbeit als Mediatorin:
1.Manchmal gibt es in Gruppen und Großgruppen das Phänomen des berühmten „Elefanten im Raum„. In der Regel ist es ein großes, offensichtliches Thema, das nicht angesprochen wird, obwohl alle wissen, dass es da ist. Weil es heikel ist, schwierig, konflikthaft. Weil es schambesetzt ist. Oder zu kontrovers. Aus Scham, aus Sorge, jemanden zu verletzen oder ein Tabu zu brechen. Das Beschweigen verstärkt aber die Spannung und verhindert echte Lösungen.
2. Wenn das Vertrauen in sozialen Beziehungen im Keller ist – in einem Team, in einer Familie, in einer Gemeinschaft –, dann hat das Folgen. Massive Folgen. Ohne Vertrauen wird alles schwierig: weniger Verbindung, weniger Resonanz, weniger Empathie. Mehr Unsicherheit, mehr Konflikt. Wir rutschen schneller ins Freund-Feind-Denken. Wir versuchen uns zu schützen: mehr Kontrolle, mehr Absicherung, mehr Regeln. Aber das ist nur eine Krücke und löst das Problem nicht wirklich.
Deshalb ist es wirklich wichtig , dass wir verstehen, warum das Vertrauen gerade so massiv schwindet. Nicht nur die offensichtlichen Gründe nennen. Sondern hinschauen auf das, was darunter liegt. Auf das, worüber keiner spricht.
Der Blinde Fleck
Was mich an vielen klugen Analysen zum Vertrauensverlust irritiert: Sie kreisen um Symptome. Um Strukturen. Um Technologien und Trends. Aber ein ganz konkretes Ereignis, eine kollektive Erfahrung, die uns alle betroffen hat – darüber wird kaum gesprochen.
Kennst du das? Diese Momente, wo dir jemand sagt: „Seit Corona ist unsere heile Welt vorbei“ oder „Irgendwie ist seit einiger Zeit alles out of control …“
Ich höre das immer wieder. Und ich spüre es auch. Als diffuse Unruhe. Dieses Gefühl, als ob sich etwas Grundlegendes verschoben hat – nicht nur politisch, nicht nur gesellschaftlich, sondern zwischen uns Menschen.
Und weißt du, was mich wirklich stutzig macht? Dass genau darüber so wenig gesprochen wird. Nicht in den Studien, nicht in den Büchern, nicht in den Talkshows. Oft nicht einmal im eigentlich vertrauten Rahmen. Als hätten wir kollektiv beschlossen: Schwamm drüber. Nach vorne schauen. Weitermachen.
Aber was, wenn genau das Teil des Problems ist?
Was, wenn der Vertrauensverlust, den wir gerade erleben, nicht nur mit Globalisierung, Digitalisierung und Komplexitätsstress zu tun hat, sondern mit etwas, das uns allen passiert ist, und das wir nicht verarbeitet haben?
Lass mich erklären, was ich meine. Und dafür muss ich kurz einen Umweg über etwas gehen, das auf den ersten Blick persönlich-privat wirkt, aber in Wahrheit das Fundament von allem ist: Bindung.
Vertrauen entsteht in der Bindung
Um zu verstehen, was gerade passiert, müssen wir kurz zurück zum Anfang. Zum Ursprung von Vertrauen.
Psychologisch gesehen entsteht Vertrauen in der Kindheit. In der Bindung zu unseren ersten Bezugspersonen. Ein Kind wird in diese Bindung hineingeboren. Es schreit, es äußert sich, es kann noch nicht sprechen. Und die Bezugsperson antwortet: Sie deutet die Gefühle, nimmt sie ernst, hält das Kind in seiner momentanen Situation.
Das sind Grundformen von Kommunikation und von Beziehung: Innere Regungen ausdrücken, gesehen, ernst genommen, gehalten werden. Eine Antwort bekommen.

„Der Mensch wird am Du zum Ich“ – so hat es der Philosoph Martin Buber auf den Punkt gebracht.
Und genau in dieser Bindungsbeziehung entsteht Vertrauen – und Selbstvertrauen. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wir trauen uns heraus, probieren etwas, verinnerlichen Erfahrungen und machen auf dieser Basis neue. So entwickelt sich unser Vertrauensverhältnis zur Welt.
Entscheidend dabei: Bindungsqualität und die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, hängen eng zusammen.
Je mehr ein Kind beim Erleben schwieriger Gefühle Fürsorge und Unterstützung erfährt – je mehr es lernt, selbst aktiv werden zu können, um diesen unangenehmen Zustand zu beenden –, desto sicherer wird die Bindung. Und desto eher lernt das Kind, sich selbst emotional gut zu regulieren.
Sich selbst trauen. Den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen trauen. Dem anderen trauen, dass er gut damit umgeht.
Selbstvertrauen und Vertrauen gehören zusammen. Und bedeuten etwas ganz Grundlegendes: Dass ich verbunden bleibe, auch wenn ich mich zeige, äußere, anders bin.
Und das brauchen wir auch als Erwachsene, gehalten, gespiegelt und validiert zu werden, während wir so sind, wie wir sind.
Bindung. Verbindung. Das ist die Basis.
Und genau diese Basis hat Risse bekommen
Jetzt komme ich zu dem Punkt, der in den letzten Jahren passiert ist – und der in all den Studien, Büchern und Analysen zum Vertrauensverlust so selten erwähnt wird:
Wir haben kollektiv die Erfahrung gemacht, Kontakt meiden zu müssen. In die Distanz zu gehen. Andere Menschen als potenzielle Gefahr wahrzunehmen oder selbst als Gefahr wahrgenommen zu werden.
Kontakt konnte gefährlich werden.
Seine eigene Meinung sich-selbst-vertrauend zu vertreten, konnte gefährlich werden. Zumindest hatte es unter Umständen hohe soziale Kosten.
Auf der einen Seite: Furcht vor dem Verlust von Gesundheit.
Auf der anderen Seite: Furcht vor dem Verlust von Freiheit.
Und dazwischen: nicht mehr zu wissen, mit wem man noch vertrauensvoll über all das reden kann. Weil alle irgendwie mit im Boot waren. Weil es keine neutrale Zone mehr gab.
Es war nicht mehr klar: An wen kann ich mich halten? Wer hat recht? Was ist die Wahrheit?
Und so haben sich viele von uns mehr und mehr auf sich selbst zurückgezogen. Haben den Stress der Auseinandersetzung vermieden. Haben Themen umschifft. Haben angefangen zu taktieren.
Wenn wir das betrachten – wirklich betrachten –, dann ist da etwas unglaublich Schmerzhaftes passiert.
Die Schweizer Psychoanalytikerin Jeannette Fischer ist eine der wenigen, die das thematisieren. Ich bin sehr dankbar, dass sie auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht hat. Denn plötzlich fügte sich auch für mich etwas zusammen.
Das Vertrauen in Bindung selbst wurde erschüttert.
Es geht nicht nur um das Vertrauen in Institutionen, in Experten oder in die Politik.
Es geht vor allem um das Vertrauen darin, dass die Verbindung zu anderen Menschen trägt. Es geht um diese Grundkonstante in unserem Leben. Das Grundbedürfnis, zugehörig und anerkannt zu sein. Das Gefühl, verbunden zu bleiben, auch wenn wir uns zeigen, auch wenn wir eine andere Wahrnehmung, andere Bedürfnisse und Ziele haben.
Aus meiner Sicht ist diese Erschütterung nicht richtig geheilt. Allenfalls oberflächlich. Sie ist mitverantwortlich für das, was wir jetzt erleben.
Warum kaum jemand darüber spricht
Weil das alles so schmerzhaft ist, tun wir das, was wir Menschen immer mit schwierigen Erfahrungen tun: Wir verdrängen und wehren ab.
Das ist kein Vorwurf. Das ist zutiefst menschlich.
Wie tun wir das? Psychologisch gesehen durch die klassischen Abwehrmechanismen: Verdrängen, Rationalisieren, Projizieren, Regression. Wir schieben Schuld zu. Wir tragen einen diffusen Groll mit uns herum, ohne den Schmerz dahinter zu spüren. Wir beschönigen. Oder wir blenden die Dinge einfach komplett aus unserem Bewusstsein aus.
Aber natürlich sind sie trotzdem noch da.
Sie äußern sich in einer diffusen Unzufriedenheit. In Feindseligkeit. In Ärger, der sich an Dingen entzündet, die eigentlich gar nicht der Kern sind.
Und weil die Dinge irgendwie nach Ausdruck drängen, kommen sie vielleicht an ungeeigneten Stellen hervor: In den sozialen Medien, wo man – anonym – mal so richtig vom Leder ziehen kann. Im Privaten. In plötzlichen Überreaktionen. In einer Gereiztheit, die wir selbst nicht so recht einordnen können.
Das entspricht auch dem, was ich in meiner Arbeit als Mediatorin immer wieder erlebe: Die Menschen streiten über Sachthemen, aber darunter liegt etwas ganz anderes. Eine tiefere Verletzung. Ein tieferes Misstrauen.
Warum auch die Experten schweigen
In all den schlauen Werken, Studien und Analysen zum Vertrauensverlust wird auf dieses Thema kaum eingegangen, verständlich soweit.
Denn alle – alle – sind ja Teil des Ganzen gewesen. Die Wissenschaftler, die Autoren, die Experten, die Journalisten. Niemand steht außerhalb. Niemand kann mit neutralem Blick von außen draufschauen.
Vielleicht ist es auch für sie zu nah. Zu schmerzhaft. Zu unverarbeitet.
Vielleicht haben auch sie Angst vor den sozialen Kosten, die es haben könnte, dieses Thema wirklich anzufassen.
Ich merke es sogar an mir selbst, während ich diesen Text schreibe.
Da ist ein Teil in mir, der lieber nicht damit rausgehen möchte. Der unter dem Radar bleiben will. Der sich fragt: Muss ich das wirklich veröffentlichen?
Auch ich brauche eine Portion Selbstvertrauen, um meine Gedanken zu diesem Punkt zu äußern. Gerade weil das Thema so sensibel ist. Weil es so viele kontroverse Meinungen dazu gibt. Weil ich nicht weiß, wie Menschen reagieren werden.
Und genau das zeigt, wie tief das Thema sitzt.
Und so bleibt der Elefant im Raum.
Wir analysieren die Symptome. Wir diskutieren über Algorithmen und Filterblasen. Wir beklagen die Polarisierung.
Aber den eigentlichen Schmerz? Den benennen wir nicht.
Der Preis des Schweigens
Was passiert, wenn wir nicht hinschauen?
Wir können natürlich einfach so tun, als wäre das alles nicht so schlimm. Nach vorne schauen. Zukunftsgerichtet sein. Positiv denken. Weitermachen wie bisher.
Das funktioniert, eine Weile zumindest.
Aber es hat einen Preis.
Wenn wir nicht fühlen wollen, führt das zu einer ständigen diffusen Unzufriedenheit und Ärger.
Es entwickelt sich eine Art Gefühllosigkeit, weil wir irgendwann aufhören müssen zu spüren, wenn der Schmerz zu groß wird. So verlieren wir unseren inneren Kompass.
Und dann werden wir anfällig.
Anfällig für Heilsversprechen aller Art. Für Autoritäten und Experten, die Lösungen versprechen, ob aus der Wissenschaft oder aus alternativen Ansätzen. Wir suchen immer jemanden, der es schon wissen wird. Der uns sagt, was richtig ist. Der uns die Verantwortung abnimmt.
Letztlich ist das eine Form der Unmündigkeit. Und wir werden so leichter beherrschbar.
Das ist keine Form von selbstbestimmtem, freiem Leben.
Ja, es gibt viele neue Problemlagen. Vieles, was in der Welt passiert, das wir lange nicht kannten. Die Klimakrise, die Kriege, die Unsicherheit. Und genau darum brauchen wir die Fähigkeit, auch über Schwieriges im Gespräch bleiben zu können.
Darum noch einmal: Ich glaube, im Kern ist ein Teil der schlechten Stimmung, des mangelnden Vertrauens, des gesellschaftlichen Unmutes den noch nicht verarbeiteten Erfahrung der letzten fünf Jahre geschuldet.
Und es ist verständlich und nachvollziehbar, wenn man überlegt, wie tief uns das getroffen hat.
Aber Verständnis allein reicht nicht.
Veränderung passiert nur, wenn wir wirklich ehrlich mit uns sind.
Was jetzt zu tun ist
Die gute Nachricht: Vertrauen lässt sich zurückgewinnen. Auch nach tiefen Erschütterungen.
Der Wunsch und die Bereitschaft sind da. Das ist immer dann spürbar, wenn Menschen sich tatsächlich einmal vertrauensvoll öffnen.
Die andere Nachricht: Es geht nicht mit Appellen, wie wichtig Vertrauen doch ist. Nicht, indem wir einfach wieder anfangen, auf Gemeinschaftlichkeit zu setzen und ein neues WIR beschwören. Das ist Makulatur – und sollte erst recht misstrauisch machen.
Denn Vertrauen braucht als allererstes Selbstvertrauen. Sonst wird es naiv und blauäugig. Und dann haben wir kein Vertrauen, sondern eine Art Abhängigkeit und ungesunde Hierarchien.
Es kann manchmal gute Gründe geben, NICHT zu vertrauen – Gründe, die mit Selbstfürsorge und Integrität zu tun haben.
Der Weg zurück führt über etwas anderes. Darüber wieder Selbst-Vertrauen wiederzugewinnen. Weil das die Basis ist für gesunde und erwachsene zwischenmenschliche Bindung, innerhalb welcher Auseinandersetzung und Reibung möglich sind.
Das Gute: für diesen Weg kann sich jede und jeder verantwortlich entscheiden.
Selbst-Vertrauen wiedergewinnen
Schritt 1: Anerkennen und eingestehen
Zunächst müssen wir anerkennen, dass uns da etwas sehr Wichtiges verloren gegangen ist. Dass etwas Essenzielles – in und zwischen uns – beschädigt wurde.
Ohne dieses Anerkennen, oder, anders ausgedrückt, ohne diese Erfahrung wirklich zu uns zu nehmen, kommen wir nicht weiter.
Wir können nicht heilen, was wir nicht benennen.
Und ja, das ist schwer. Denn es bedeutet, innezuhalten. Nicht weiterzumachen wie gewohnt. Nicht so zu tun, als wäre alles okay, nur weil an der Oberfläche alles funktioniert.
War das nicht immer so zu allen Zeiten? Man einfach weitergemacht hat, sich schnell auf die Zukunft besonnen, ohne erst einmal zu verarbeiten, was gewesen ist.
Aber genau das ist der Punkt: Wenn wir nicht hinschauen, trägt es sich weiter. Der unverarbeitete Schmerz bleibt. Verletzungen und Kränkungen bleiben. Das Misstrauen bleibt.
Schritt 2: Zurück zum Ursprung
Es geht darum, dorthin zurückzugehen, wo die Beschädigung entstanden ist. Sie zu benennen. Sie zu fühlen. Sie auszuhalten.
Das klingt vielleicht dramatisch. Aber es meint etwas sehr Konkretes:
Sich selbst ehrlich zu beantworten:
- Was habe ich in den letzten Jahren erlebt?
- Was hat es mit mir gemacht?
- Wo habe ich mich verletzt gefühlt – und habe das vielleicht nie ausgesprochen?
- Wo habe ich geschwiegen, obwohl ich etwas sagen wollte?
- Wo habe ich Verbindungen abgebrochen, die mir wichtig waren – aus Angst, aus Überforderung, aus Selbstschutz?
- Wo habe ich andere verurteilt? Wo wurde ich selbst verurteilt?
- Wo habe ich mich nicht so verhalten, wie ich es von mir denken würde – aus Angst, aus Stress, aus Unwissenheit?
Das sind keine angenehmen Fragen. Aber sie sind wichtig.
Denn in diesen Fragen liegt der Ursprung dessen, was heute noch wirkt. Der Ärger. Die Vorsicht. Diese unsichtbare Distanz.
Schritt 3: Gefühle durcharbeiten
„In den Schmerz zurückgehen“ bedeutet nicht, sich darin zu verlieren oder den Schmerz festzuhalten.
Es bedeutet: dem Raum zu geben, was da ist. Und das durchzuarbeiten.
Vielleicht ist es Trauer. Über verlorene Verbindungen. Über verlorenes Vertrauen.
Vielleicht ist es Wut. Über das, was passiert ist. Über das, was man selbst erlebt hat oder wie man behandelt wurde.
Vielleicht ist es Scham. Über die eigenen Anteile. Darüber, dass man sich vielleicht nicht so verhalten hat, wie man gerne gewollt hätte.
All das darf da sein.
Und es braucht, was die Bindungsforschung beschreibt: gehalten, gespiegelt, validiert werden. Vielleicht im Gespräch mit jemandem, dem du vertraust. Vielleicht in der Therapie. Vielleicht auch erstmal nur für dich selbst, indem du dir erlaubst, ehrlich zu sein mit dem, was war.
Schritt 4: Verantwortung übernehmen
Verantwortung übernehmen heißt nicht, dir oder anderen Schuld die Schuld zu geben für das, was war. Was auch wiederum nicht bedeutet, reale Verantwortlichkeiten zu ignorieren – aber das wäre ein Thema für sich.
Hier meine ich damit, Verantwortung dafür zu übernehmen, dein eigenes Selbstvertrauen zu regulieren und zu bewahren.
Und das ist nicht einfach.
Denn wenn du mit Selbstvertrauen raus in die Welt gehst, kommst du unweigerlich in Reibung mit deiner Umgebung. Du wirst nicht jedem gefallen. Du wirst anecken. Menschen werden anderer Meinung sein, werden dich vielleicht ablehnen, werden irritiert reagieren.
Das ist nicht angenehm. Aber es ist unvermeidlich.
Denn echtes Selbstvertrauen bedeutet: Ich traue mir zu, ich selbst zu sein – auch wenn das unbequem und anstrengend wird. Auch, wenn es Auseinandersetzung bedeutet. Auch, wenn wir nicht wissen, wie es ausgeht.
Darauf zu vertrauen, dass genau diese Auseinandersetzung in der Bindung möglich ist und die Verbindung hält – auch wenn es schwierig wird.
Dass du verbunden bleiben kannst, auch wenn du anders bist, auch wenn du widersprichst, auch wenn du einen eigenen Weg gehst und du auf dieser Basis, den anderen auch in seiner Andersartigkeit wahrnehmen und aushalten kannst, ohne dass die Verbindung verloren geht.
Das ist Verantwortung: Nicht perfekt sein. Nicht alles richtig machen. Sondern dir selbst treu bleiben; denn echte Bindung hält das aus.
Der Anfang liegt bei uns
Vertrauen zurückzugewinnen – in uns selbst, in die Verbindung zu anderen – ist kein Sprint. Es ist ein Prozess. Manchmal ein schmerzhafter.
Aber er lohnt sich.
Denn die Alternative? Weitermachen wie bisher. In diffusem Groll, in Vorsicht, in dieser inneren Zurückhaltung, die uns spürbar voneinander trennt.
Oder hinschauen. Anerkennen. Fühlen. Verantwortung übernehmen. Und von dort aus – Schritt für Schritt – das Vertrauen zurückgewinnen. Erst in uns selbst. Dann in der Verbindung zu anderen.
Natürlich brauchen wir auch gesellschaftliche Veränderungen, politische Aufarbeitung, institutionelle Verantwortung. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Eine gesunde Gesellschaft beginnt auch bei den Einzelnen. Was in uns ist, wirkt nach außen.
Das heißt nicht, dass alles an uns hängt. Aber es heißt: Wir können anfangen. Heute. Mit einer dieser Fragen. Mit einem ehrlichen Gespräch. Mit einem Moment des Innehaltens.
Vielleicht merkst du dann: Du bist nicht allein mit dem, was du spürst.
Und vielleicht ist genau das der Anfang – wieder Boden zu gewinnen.
Wenn dich dieser Artikel berührt hat – ob zustimmend, zweifelnd oder fragend, schreib mir gerne. Ich lese jede E-Mail und antworte auch.
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Tipp
Wenn dich die Sichtweisen der Schweizer Psychoanalytikerin Jeanette Fischer interessieren, google einfach einmal ihren Namen. Du findest im Netz viele interessante Videos und Artikel zu den Themen: Narzissmus, Bindung, Gewalt, Macht, Ohnmacht, Konflikt.
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