Mauern erlebt jeder irgendwann einmal: Jemand steht mitten in einer Diskussion auf, nimmt seine Tasche und geht. Kein Kommentar, kein „ich brauche kurz Luft“, einfach weg. Ein anderer bleibt zwar sitzen, entzieht sich aber durch Schweigen. Egal, was du sagst, du kommst nicht durch. Wieder jemand anderes schreibt dir seit Tagen nicht zurück, obwohl du weißt, dass die Nachrichten gelesen wurden. Die zwei blauen Häkchen sind da. Und dann: Stille.
Das alles kann Mauern sein: Zumachen, Abblocken, Rückzug. Wer verstehen will, wie man damit umgeht, muss zuerst verstehen, wozu es gut ist.
Warum jemand zumacht – und was das mit Schutz zu tun hat
Wie eine Schildkröte, die den Kopf einzieht, wenn es draußen zu viel wird. Mauern funktioniert nach demselben Prinzip. Ich nenne es eine protektive Konfliktstrategie, weil es genau das ist: ein erlerntes, oft jahrelang erprobte Verhalten, mit spannungsvollen Momenten umzugehen. Sie ist übrigens eine von drei solcher Strategien, aber dazu weiter unten mehr.
Ihr Kern ist Schutz: der Schutz der eigenen Gefühle, der Schutz der Beziehung vor einer Eskalation, manchmal auch der Schutz einer dritten Person, die nicht hineingezogen werden soll. Wer in einer hitzigen Situation einfach nichts sagt, möchte vielleicht keine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen. Wer sich Zeit nimmt, bevor er antwortet, sagt am Ende oft etwas Präziseres als jemand, der sofort reagiert. Das kann durchaus Sinn machen.
Viele Menschen haben in ihrem Leben gelernt, auf unangenehme Situationen mit Mauern zu reagieren, weil das für sie funktioniert hat. Vielleicht gab es in der Familie oft hochemotionale Konflikte, Gefühle, die den Raum ausfüllten, bis kaum noch Luft blieb. Wer da den Kopf einzieht und sich aus der Schusslinie bewegt, fährt besser. Der Rückzug ist letztlich eine Form der Lösung für eine schwierige Situation. Eine sehr menschliche dazu.
Manche sind auch einfach so veranlagt: Sie nehmen viel wahr, sind sensibel, beobachten gut und brauchen Zeit, um Dinge zu verarbeiten, bevor sie sich äußern. Wer so gestrickt ist, weiß: Es ist besser, erst etwas zu sagen, wenn ich es durchgedacht habe. Unter Druck passiert dann oft das Gegenteil, man fühlt sich verwirrt, weiß plötzlich gar nichts mehr. Unter Druck denkt das Nervensystem nicht an Kommunikation. Es denkt ans Überleben.
Situativ oder Gewohnheit? Das macht den Unterschied.
Situativ begründetes Mauern und Abblocken
Ich erinnere mich an einen Sommerabend mit Freunden. Gute Stimmung, der Abend hatte sich gerade erst entfaltet, und dann kam ein politisches Thema auf den Tisch. Die Stimmung schlug um. Einige wurden lauter, nachdrücklicher, die Sätze schärfer. Andere, ich eingeschlossen, lehnten sich etwas zurück. Sagten weniger. Ließen die Wellen über sich hinweggehen, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann von selbst legen.
Auch wenn der Eindruck entstand, manche würden nicht genügend Position beziehen: In dem Moment war das die richtige Entscheidung. Nicht aus Feigheit, sondern weil weitere Worte das Feuer nur größer gemacht hätten. Die Gemüter brauchten erst mal Luft zum Abkühlen. Was es gebraucht hat, war das Danach: einen ruhigen Moment, ein Gespräch ohne Adrenalin. Das kam auch, ein paar Tage später, bei einem Spaziergang, und plötzlich war eine Klärung möglich, die an dem Abend Eenfach nicht gegangen wäre.
Situatives Mauern bedeutet, es passiert in einer bestimmten Situation und nicht einfach nur aus Reflex oder Gewohnheit. Es gibt oft innere oder äußere Gründe, die in dem Moment dafür sprechen. Und wenn es sich um situatives Mauern handelt, ist es relativ leicht wieder zu jemandem durchzudringen.
Wenn Mauern und Abblocken zur Gewohnheit wird
Bei gewohnheitsmäßigem oder automatisiertem Mauern ist es etwas anders. Dann spielt es sich immer ähnlich ab: Jemand versucht, den anderen zu erreichen, es gibt ein dringendes Thema, und je mehr Dringlichkeit signalisiert wird, desto mehr macht der andere zu. Der, der zumacht, wirkt dabei von außen oft erstaunlich cool. Vielleicht sogar souverän, fast so, als stehe er über den Dingen. Was tatsächlich passiert, ist das Gegenteil: Hinter dem Panzer versteckt sich jemand, der dem anderen signalisiert, du bist zu emotional, du übertreibst, da ist doch gar nichts.
Eine scheinbare Stärke. Mit einer sehr realen Nebenwirkung.
Je mehr jemand zumacht, desto mehr Ohnmacht erzeugt er auf der anderen Seite. Der andere versucht noch dringlicher zu erreichen, wird lauter, emotionaler, ungeduldiger.
Was von außen aussieht wie ein Wut-Problem des einen, ist in Wirklichkeit ein Mauern-Problem des anderen.
Der Mauernde schürt die Eskalation, die er eigentlich verhindern wollte, und merkt es nicht, weil er sich ja scheinbar ruhig verhält.

Niemand macht das böswillig. Aber es passiert. Und es hat noch einen zweiten Preis, der seltener benannt wird: Wer dauerhaft die Schotten dicht macht, verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst. Man weiß nicht mehr genau, was man will. Man schnürt sich Gefühle ab, die eigentlich da sein dürften. Man wird unklar, für andere und für sich selbst. Und auf Dauer fühlt man sich weniger lebendig, weniger in Kontakt. Das ist ein zu hoher Preis für eine Strategie, die uns eigentlich schützen soll
Kurzer Stopp – Mauerst du selbst?
Kurze Unterbrechung. Bevor es darum geht, was du tun kannst, wenn jemand anderes mauert, lohnt sich ein Blick in die eigene Richtung.
Ein paar Bilder, die helfen könnten: Du bist in einem Gespräch und innerlich schon lange woanders, aber nach außen tust du noch so, als ob du da wärst. Du hörst eine Frage, weißt die Antwort, sagst sie aber nicht, weil du unsicher bist, wie sie ankommen wird. Du bekommst eine Nachricht, die dich anfasst, und wartest lieber mal ab, bis du für dich geklärt hast, warum du dich so fühlst. Oder du gehst aus einem Raum, ohne zu erklären warum, weil du gerade nichts mehr aufnehmen und das auch nicht artikulieren kannst.
Das sind keine großen dramatischen Momente. Das sind kleine Reflexe, die sich oft gar nicht wie Mauern anfühlen. Eher wie: Ich brauche kurz Abstand. Oder: Das ist nicht der richtige Moment. Oder: Wenn ich jetzt was sage, wird es schlimmer. Manchmal stimmt das auch genau so. Manchmal aber nicht.

Was du tun kannst, wenn dein Gegenüber mauert
Gut. Jetzt zur anderen Seite: Was tust du, wenn nicht du selbst mauerst, sondern jemand, den du erreichen möchtest?
Psychologisiere nicht
Das Naheliegendste ist in diesem Fall nicht das richtige: das Mauern direkt benennen. „Du mauerst schon wieder“ oder „du blockst ab“ klingt für den anderen wie ein Angriff und verstärkt genau die Verteidigungshaltung, die du auflösen möchtest. Ähnlich wenig hilfreich: Psychologisieren. Auch wenn du fachlich genau weißt, was da gerade passiert und der Bindungsstil des anderen wie eine Leuchtschrift vor dir leuchtet, niemand öffnet sich, wenn er mitten in einem Gespräch eine Persönlichkeitsdiagnostik über sich selbst hört.
Wechsele die Perspektive
Was stattdessen einen Unterschied machen kann, ist ein innerer Shift: weg von dir und dem, was der andere dir gerade antut, hin zu dem anderen und der Frage, was er im Moment braucht. Das fühlt sich manchmal ungewohnt an, gerade wenn du selbst gerade etwas dringend brauchst. Aber dieser Perspektivwechsel kann sehr viel bewegen, weil er den Druck aus der Situation nimmt.
Schau auf die Hintergründe
Und wenn du das tust, entdeckst du oft überraschend viele Gründe für den Rückzug, die nichts damit zu tun haben, dich auszubremsen. Jemand braucht vielleicht Zeit zum Verdauen, muss sich erst beruhigen oder für sich sortieren, was er überhaupt sagen will. Was du tun kannst: Raum geben, das Gespräch verschieben, fragen, was der andere gerade braucht. Oder der Moment ist schlicht der falsche, weil jemand gerade unter Druck steht oder Ort und Umgebung nicht passen. Dann hilft ein konkreter Vorschlag: lass uns das woanders und in Ruhe besprechen.
Manchmal steckt hinter dem Mauern auch die aufrichtige Sorge, dass ein offenes Gespräch alles nur schlimmer macht. Das ist kein schlechter Einwand. Über Schwieriges zu reden, kann tatsächlich unschöne Phasen beinhalten. Mach also keine Versprechen, die du nicht halten kannst. Signalisiere stattdessen, dass ihr gemeinsam schaut, wie es so wenig unschön wie möglich werden muss, zum Beispiel, indem ihr das Thema in kleinere, verdaulichere Portionen aufteilt und nicht alles auf einmal auf den Tisch legt.
Mache deutlich, dass es dir um eine gute Beziehung geht
Eine häufige Variante, die oft übersehen wird: Jemand denkt, das Ganze sei nicht sein Problem. Dahinter steckt die Überzeugung, dass der Konflikt ihn eigentlich nichts angeht. Was du dann deutlich machen kannst, ist, dass ungelöste Themen die Beziehung belasten, auch wenn man glaubt, nichts damit zu tun zu haben. Und dass es sich lohnt, sich trotzdem damit zu beschäftigen, weil es auf Dauer beiden Energie und Frustration erspart.
Suche die gemeinsame Spur
Und dann gibt es noch den Klassiker in längeren Beziehungen: „Wir haben das doch schon tausendmal besprochen.“ Ob es die Spülmaschine ist, das Zuspätkommen oder der Ton beim Einkaufszettel. Hinter dieser Erschöpfung steckt oft etwas Wichtiges: Wir streiten häufig über Ersatzthemen, weil die eigentlichen zu nah sind. Weil wir uns damit zeigen müssten, mehr als uns lieb ist, oder weil wir ahnen, dass das Gespräch die Beziehung erschüttern könnte.
Eine Frage, die da heraushelfen kann, ist schlicht: Welches Problem versuchen wir hier eigentlich zu lösen? Das holt beide aus dem Klein-Klein über Nebensächlichkeiten heraus und bringt das Gespräch wieder auf eine gemeinsame Spur.
Wann Schweigen tatsächlich auch klug sein kann:
Wenn es die Sache eigentlich nicht wert ist.
Wenn du weißt, dass jede Reaktion den Konflikt weiter anheizt.
Wenn du merkst, dass du dich erst beruhigen musst, bevor irgendetwas Sinnvolles aus dir herauskommt.
Nicht jede Eskalation, die man verhindert, ist eine vermiedene Auseinandersetzung. Manchmal ist sie eine gerettete Beziehung.
Wenn Mauern zur Gewohnheit geworden ist
Was aber, wenn du all das ausprobiert hast und trotzdem merkst: Das ist kein einzelner schwieriger Moment, sondern ein Muster, das sich in dieser Beziehung immer wieder auf dieselbe Art abspielt, mit demselben Ablauf, denselben Rollen, demselben Ausgang?
Dann ist es Zeit für Metakommunikation. Das klingt weniger theoretisch als es ist. Metakommunikation bedeutet einfach: über das Reden reden. Nicht über den Inhalt des letzten Streits, sondern über die Fragen: Wie geht es uns eigentlich miteinander, und was brauchen wir beide, damit wichtige Dinge zwischen uns wirklich Raum bekommen können?
Das gelingt am besten, wenn du dich dafür separat verabredest. Direkt aus einer eskalierenden Situation in die Metaebene zu wechseln, funktioniert fast nie. Besser: ein ruhiger Moment, keine schwelende Spannung im Hintergrund, beide einigermaßen sortiert. Und dann: Nenn das Verhalten des anderen nicht Mauern oder Abblocken. Beschreibe stattdessen, was du wahrnimmst und wie du dich dabei fühlst. Nicht „Du mauerst immer“, sondern „Wenn du plötzlich gehst, ohne etwas zu sagen, weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll, und das macht mir zu schaffen.“
Die Haltung, die du dabei einnimmst, macht einen größeren Unterschied als die Worte. Weniger Beschwerde, mehr echtes Interesse. Dein Ziel sollte nicht sein, Kritik zu üben und Verhaltensänderung zu fordern, sondern gemeinsam herauszufinden, wie es besser gehen kann. Und dabei lohnt es sich wirklich, auch die eigene Rolle in den Blick zu nehmen. Wir alle tragen auf irgendeine Art dazu bei, dass ein Gespräch schwierig wird. Vielleicht ist es ein Muster, an dem beide beteiligt sind. Diese Offenheit verändert den Ton einer solchen Unterhaltung grundlegend.
Wenn du zum Beispiel merkst, dass du in der Beziehung diejenige bist, die immer lauter wird, immer emotionaler, während der andere immer kühler und stiller wird, dann lohnt sich das Gespräch darüber, dass dein Ärger oft aus Ohnmacht entsteht und das Mauern des anderen genau diesen Kreislauf befeuert. Das lenkt weg vom Vorwurf hin zu einer gemeinsamen Beobachtung. Und der nächste Schritt wäre dann: Wie können wir beide Verantwortung dafür übernehmen, dass sich diese Dynamik bessert? Nicht: Wer hat angefangen, sondern: Was können wir beide anders machen.
Das alles gilt, wenn das Muster beim Gegenüber liegt. Aber manchmal sitzt es woanders.
Und wenn du selbst mauerst?
Was, wenn du selbst derjenige bist, bei dem Mauern zur Gewohnheit geworden ist? Das ist keine hypothetische Frage. Menschen, die beruflich viel mit Kommunikation arbeiten, bemerken das bei sich oft am spätesten, weil sie den Reflex so gut verstehen, dass sie ihn bei sich selbst nicht mehr als Reflex wahrnehmen. Er fühlt sich einfach vernünftig an. Wie Besonnenheit. Wie professionelle Distanz.
Wenn du irgendwo in diesem Artikel innerlich genickt hast, nicht in Richtung eines anderen, sondern in Richtung dir selbst, dann lohnt sich ein genauerer Blick. Was schütze ich hier eigentlich? Wen? Gibt es einen guten Grund, warum ich gerade nicht reagiere, oder ist das einfach das, was ich schon immer so mache? Bin ich noch resonanzfähig, oder habe ich mich irgendwann so weit zurückgezogen, dass ich selbst kaum noch spüre, was da draußen passiert?
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine ehrliche Frage. Wer anderen dabei hilft, aus eingefahrenen Mustern herauszukommen, darf sich dieselbe Zumutung auch selbst zutrauen.
Zum Schluss
Rückzug ist menschlich. Es ist eine der ältesten menschlichen Strategien, um sich in Momenten zu schützen, die sich gefährlich anfühlen. Das verdient Respekt, auch wenn es einen gerade zur Weißglut treibt.
Was es nicht verdient, ist, unreflektiert zu bleiben. Weder bei denjenigen, die mauern, noch bei denen, die damit umgehen müssen.
Schutz hat seinen Preis. Die Frage ist, ob man den bewusst zahlt oder ob man ihn irgendwann gar nicht mehr wahrnimmt, weil der Panzer sich so sehr wie die eigene Haut anfühlt, dass man vergessen hat, dass man ihn mal selbst angezogen hat.
Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest: In meinem Gratis-Selbsttest kannst du herausfinden, zu welcher Konfliktstrategie du selbst neigst. In meinem Minikurs schauen wir uns die drei elementaren Konfliktstrategien genauer an, wie sie entstehen, was sie in Beziehungen anrichten und wie man beginnen kann, bewusster damit umzugehen. Für dich selbst, und für die Menschen, mit denen du arbeitest. Hier geht es zum Minikurs.
Weiterlesen
https://kerstin-pletzer.de/schwierige-emotionen-konflikt/
https://kerstin-pletzer.de/was-ist-deine-konfliktloesungsstrategie/
https://kerstin-pletzer.de/tipps-schwierige-gespraeche/
Bildnachweis
Titel: Aged stonewall by tab1962 from Getty Images@canva
Bild 1: Young Couple Quarreling on Color Background by pixelshot@canva
Bild 2:Young man trying to make peace with wife by pixelshot@canva





0 Kommentare