Vergeben oder verzeihen – und wenn ich es (noch) nicht kann?

17. Juli 2025 | Emotionen, Resilienz | 0 Kommentare

Vergebenverzeihen – zwei große Worte. Und manchmal auch zwei große Hürden.

Verletzt zu werden, gehört zu den tiefsten menschlichen Erfahrungen. Es erschüttert unser Vertrauen – in andere, in Beziehungen, manchmal auch in uns selbst. Was dann bleibt, ist oft nicht nur Schmerz, sondern es sind auch Fragen, die sich nicht so leicht abschütteln lassen.

Wie gehe ich damit um? Soll ich verzeihen? Kann ich vergeben? Und – wenn ich ehrlich bin – will ich das überhaupt?

Wichtig vorweg: In diesem Text geht es nicht um schwerwiegende Grenzverletzungen oder Straftaten.

Solche Erfahrungen brauchen – neben innerer Auseinandersetzung – vor allem rechtlichen Schutz, klare Grenzen und oft professionelle Begleitung.
Was hier im Fokus steht, sind Verletzungen, wie sie in engen Beziehungen vorkommen: Vertrauensbrüche, Enttäuschungen, seelische Kränkungen. Situationen, die nicht juristisch geklärt werden müssen – aber innerlich verarbeitet werden wollen.

Und genau da setzt dieser Text an: beim emotionalen Prozess, bei der Frage, was Loslassen – in deinem Tempo – für dich bedeuten kann.

In diesem Artikel geht es um genau diese Fragen. Nicht darum, wie man sich „richtig“ verhält. Und auch nicht darum, Schuld oder Verantwortung zu verteilen. Sondern darum, wie sich Menschen innerlich lösen können – von dem, was sie gefangen hält.

Es geht darum, wie Vergeben und Verzeihen aussehen kann, wenn sie kein überfordernder Anspruch sind, sondern ein innerer Befreiungsschritt. Und warum Verzeihen manchmal nicht der passende Weg ist.

Du wirst hier keine Rezepte finden. Aber vielleicht Gedanken, die dich weiterbringen. Bilder, die dir helfen, deine Situation anders zu betrachten. Und Beispiele, die zeigen: Vergeben ist keine Schwäche – sondern manchmal genau die Kraft, mit der wir uns selbst aus der Vergangenheit zurückholen.

1. Ein Dilemma

Vielleicht hast du schon einmal gedacht: Ich würde ja gern verzeihen, ich würde ja gern vergeben – aber ich schaffe es einfach nicht.
Ein Teil von dir sehnt sich nach Ruhe, nach Leichtigkeit. Und ein anderer Teil hält an der Verletzung fest, am Groll, an dem, was nicht so war, wie es hätte sein sollen.

In dieser inneren Spannung steckt kein Versagen. Sie zeigt nur, wie viel auf dem Spiel steht: Würde. Schutz. Selbstachtung.

Vergebung klingt nach Großmut. Und gleichzeitig fühlt es sich auch manchmal an wie Nachgeben, Schwäche oder sogar Verrat am eigenen Schmerz.

Vergeben und Verzeihen sind keine mentalen Tools oder ein schneller Schlussstrich. Sie sind ein Weg, Verletzungen zu verarbeiten und hinter sich zu lassen. Und manchmal beginnt er mit dem Satz:

Ich kann es gerade nicht. Und das ist okay.

Vielleicht liegt darin schon ein erster Schritt – nicht das Loslassen selbst, sondern das Loslassen der Erwartung, jetzt schon loslassen zu müssen.

Solange Vergebung ein Druck bleibt, wirkt sie wie eine Forderung. Doch heilsam wird sie erst, wenn sie eine Einladung ist. Zu mehr Weite, innerer Klarheit. Und vielleicht irgendwann, zu Freiheit.

Zum Innehalten:

Was wäre, wenn du dir selbst erlaubst, (noch) nicht zu verzeihen oder zu vergeben – und genau darin beginnt sich etwas zu lösen?

2. Vergeben oder verzeihen – worin liegt der Unterschied?

Die Begriffe vergeben und verzeihen werden oft gleichgesetzt. Doch sie sind etwas unterschiedliche innere Bewegungen, die auch jeweils andere Auswirkungen in der Beziehung haben.

Beispiel 1

Eine Frau wird von ihrem langjährigen Partner betrogen. Er verschwindet wortlos, lässt sie mit offenen Fragen und zerstörtem Vertrauen zurück. Lange trägt sie die Kränkung mit sich. Irgendwann spürt sie: Ich will nicht mehr in diesem Schmerz gefangen sein.

Vergeben beginnt, wo sie den Blick von ihm abwendet und auf sich selbst richtet. Sie erkennt: Ich trage seinen Verrat wie einen Rucksack – aber es ist meiner geworden. Sie akzeptiert nicht, was geschehen ist, sondern kümmert sich darum, Ihren Schmerz und ihr Leid zu verarbeiten und wieder frei zu werden. Vergeben ist losgelöst von dem Wunsch, dass die Beziehung weitergeführt wird.

Vergeben ist ein innerer Prozess und ein Loslösen von einer schmerzlichen und leidvollen Erfahrung. Es geht nicht um Akzeptieren oder um das Fortführen der Beziehung.

Beispiel 2

Die Tochter schreit im Wutanfall ihre Mutter an: „Ich hasse dich. Du hast mir alles kaputt gemacht.“ Die Mutter ist tief verletzt. Doch nach einigen Tagen bekommt sie mit: Meine Tochter war überfordert. Es tut ihr leid. Sie entscheidet: Ich will ihr das nicht mehr vorhalten.

Im Wort verzeihen steckt das alte „zeihen“ im Sinne von beschuldigen oder bezichtigen. Ver-zeihen bedeutet also, bewusst auf Beschuldigungen, Groll und Vergeltung zu verzichten – meistens in Bezug auf eine konkrete Handlung, was gerade dann wichtig ist, wenn man die Beziehung retten oder bewahren will.

Vergeben sagt: Ich trage es nicht länger mit mir herum.
Verzeihen sagt: Ich trage dir das nicht länger nach.

3. Vergeben

Vergeben ist ein emotionaler Aussöhnungs- und Friedensprozess. Er kann dauern und ist nicht abhängig von Verfügbarkeit, Reue oder Einsicht des anderen. Vergeben ist das wirkungsvollste, das du tun kannst für deinen Seelenfrieden, indem du dir selbst, wie auch dem anderen die Möglichkeit von Veränderung und Entwicklung gibst. Vergeben ist etwas, das du GIBST – ohne das Unrecht, das geschehen ist, akzeptieren zu müssen.

Warum ist Vergeben oft so schwer?

  • Wir fürchten, dass Vergeben als Schwäche verstanden wird.
  • Wir wollen uns schützen: Wenn ich vergebe, bin ich vielleicht wieder angreifbar.
  • Wir wollen Gerechtigkeit – oder zumindest eine Entschuldigung.
  • Der Groll gibt uns das Gefühl von Kontrolle und Stärke.

Wut, Zorn und Ressentiments können eine Haltung sein – für eine bestimmte Zeit. Doch irgendwann binden sie uns an die Verletzung. Und dann besteht die Gefahr, auf Dauer zu einem „leidenschaftlichen Kämpfer für die nachtragende Sache“ (Robert Pfaller) zu werden.

Vergeben: der innere Ausstieg aus der Opferrolle

Vergeben ist kein Großmut – sondern ein Akt der Befreiung. Nicht des Täters – sondern deiner selbst. Vergebung bedeutet: Ich bin nicht länger bereit, mein Leben aus dieser Verletzung heraus zu definieren.

Sie umfasst Trauer über das Verlorene, klärende Empathie, Selbstvergebung und Loslassen des alten Erzählmusters.

Es geht darum, die Last abzulegen, nicht aus Edelmut, sondern um frei zu werden.

Vergeben ist oft der erste Schritt. Wenn die Beziehung fortbesteht, gehört aber meistens auch noch das Verzeihen dazu. Und das kann manchmal sogar noch herausfordernder sein.

4. Verzeihen

Verzeihen ist die bewusste Entscheidung für den Verzicht auf Beschuldigung und Rache. Oft verbunden mit dem Wunsch, die Beziehung zu retten. Und tatsächlich spielt das Verzeihen-Können eine wichtige Rolle in der Frage, wie es mit der Beziehung weitergeht und wie beide mit Verletzung, Fehlern und Schuld umgehen können.

Andauerndes Beschuldigen hält langfristig keine Beziehung aus!

Verzeihen ist eine sehr erwachsene und bewusste Form, mit Verletzungen und Kränkungen umzugehen. Sie kann uns einiges an Selbststeuerung abverlangen, weil Wut und Abgrenzung natürlich erst einmal helfen, uns zu behaupten und den Kopf oben zu behalten.

Aber: Verzeihen kann auch schaden.
Wenn Reue und Einsicht beim Gegenüber fehlen, kann Verzeihen zu einem Akt der Selbstverleugnung werden. Auch bei anhaltenden Konflikten wäre Verzeihen eher Vermeidung der Auseinandersetzung als kluge Beziehungsgestaltung. .

Verzeihen heißt nicht, Unrecht zu erlauben oder dem anderen einen Freibrief zu erteilen. Es heißt, zu akzeptieren, dass es geschehen ist – und es um seiner selbst und der Beziehung willen gut sein zu lassen. Um der Beziehung noch einmal eine Chance für Entwicklung zu geben.

5. Warum es schwerfällt – und warum das okay ist.

Es klingt oft so leicht: Verzeih doch einfach. Vergib doch, dann hast du Frieden.
Aber wenn es wirklich so leicht wäre, würden nicht so viele Menschen so lange an ihrem Groll festhalten.

Es gibt gute Gründe, warum wir nicht sofort verzeihen oder vergeben können.

  • Manchmal ist Wut unser Schutzschild.
  • Groll kann uns für eine Weile unsere Würde zurückgeben.
  • Festhalten kann sich gerechter anfühlen als Loslassen.

Manchmal ist es genau richtig, (noch) nicht zu vergeben oder zu verzeihen.

  • Wenn der Schmerz noch zu frisch ist,
  • der andere keine Einsicht zeigt oder
  • etwas in dir erst noch verstanden, betrauert, gehalten werden will.

Lass dich aber zu nichts drängen. Auch nicht von dir selbst.

Vergebung oder Verzeihen lassen sich nicht erzwingen. Und sie werden nicht wahrer, nur weil man sich dazu drängt.
Im Gegenteil: Wer zu früh vergibt oder verzeiht, überspringt manchmal den Teil, der zuerst gesehen werden will – den Schmerz, die Wut, die Enttäuschung.

Deine Emotionen sind nicht falsch. Sie zeigen, dass dir etwas wichtig ist. Der Punkt ist nur, wie lange du sie mit dir herumtragen willst.

Denn irgendwann, so berichten viele, wird das Paket, das man dem anderen eigentlich zurückgeben wollte, zu schwer – weil man es selbst übernommen hat.

6. Fragen, die helfen können

Vergebung und Verzeihen beginnen oft nicht mit einer Entscheidung – sondern mit einer ehrlichen Selbstbefragung.

  • Was hält mich noch fest im Groll? Wovor schützt mich mein Ärger?
  • Will ich diese Beziehung weiterführen oder bin ich nur noch verbunden durch Schmerz?
  • Was wäre ich bereit zu geben, um aus der Opferrolle auszusteigen, ohne mich selbst zu verraten?
  • Was brauche ich vom anderen, damit Verzeihen überhaupt möglich ist? Reue? Einsicht? Eine Geste?
  • Fehlen diese gänzlich? Würde ein Verzeihen mir sogar schaden, weil es immer so weitergeht?
  • Wie kann ich für mich selbst sorgen, ohne den alten Schmerz ständig neu aufzuwärmen?
  • Welche Situationen oder Trigger bringen mich immer wieder zurück in alte Vorwürfe?
  • Habe ich zu früh verziehen – vielleicht aus Angst vor Trennung?
  • Habe ich meinen Schmerz kleingeredet um nicht als nachtragend zu gelten?
  • Habe ich mich innerlich gedrängt zu vergeben, weil man das „so macht“ – obwohl ich es noch gar nicht konnte?
  • Und: Ist Verzeihen in dieser Situation wirklich heilsam oder eher ein Druckmittel, um den Konflikt oder die Auseinandersetzung zu vermeiden?
  • Braucht es eine gemeinsame Neubewertung der gesamten Situation, um wirklich verzeihen zu können?

7. Wenn du dich lösen willst – und noch nicht weißt, wie.

Vielleicht spürst du: Ich möchte weiterkommen. Ich will mich nicht länger von Groll oder Schmerz bestimmen lassen.
Aber du weißt noch nicht, wie. Und du weißt auch nicht, welcher Weg der richtige ist: Vergeben? Verzeihen?

Die gute Nachricht ist: Du musst es noch nicht genau wissen.
Denn manchmal entsteht Klarheit erst unterwegs.
Wichtig ist nur: Es gibt mehr als einen Weg – und beide dürfen nebeneinander stehen.

Vergebung – der erste, stille Schritt

Wenn dein Gegenüber nicht einsichtig ist, der Kontakt abgebrochen ist oder die Verletzung zu tief sitzt, ist Verzeihen oft keine Option.
Dann kann Vergebung ein erster innerer Schritt sein – nicht für den anderen, sondern für dich selbst.

  • Um aus der Opferrolle auszusteigen
  • Um den inneren Raum nicht mehr von dem besetzen zu lassen, was war
  • Um dich wieder mit dir selbst zu verbinden

Vergebung heißt: Ich will mich befreien, auch wenn der andere sich nicht ändert.

Sie kann beginnen mit dem Gedanken:

Ich will mich nicht länger definieren über das, was mir angetan wurde.

Verzeihen – der bewusste Schritt in der Beziehung

Wenn dir die Beziehung wichtig ist, kann Verzeihen der passende Weg sein – aber er ist herausfordernder.
Denn es bedeutet, wieder in den Dialog zu treten. Nicht, um zu vergessen, sondern um zu klären.
Nicht, um zu beschönigen, sondern um sich ehrlich zu begegnen.

Es hilft, das Geschehene auch zu vergeben. Das ist aber keine Garantie, dass es auch gelingt, zu verzeihen. Dann Verzeihen heißt meistens, in der Beziehung zu bleiben: mit der Kränkung zu leben, der Verletzlichkeit, der Angst und Wut, – oder mit der eigenen Schuld umgehen zu müssen (was manchmal fast noch schwerer ist), und dennoch nicht in alte Muster zu verfallen.

Verzeihen braucht oft:

  • Reue, Einsicht und Ehrlichkeit beim Gegenüber
  • Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen
  • Das gemeinsame Ringen um neues Vertrauen

Nur so kann Verzeihen gelingen – als gemeinsame Entscheidung, einen neuen Umgang miteinander zu finden.

Wenn du diesen Weg gehen willst, kann es helfen, dir folgende Fragen zu stellen:

  • Was brauche ich, um der anderen Person wirklich begegnen zu können?
  • Was muss ausgesprochen, gehört oder verstanden werden?
  • Wie kann ich meine Gefühle zeigen – ohne zu verletzen?
  • Was bin ich bereit zu geben – und wo liegt meine Grenze?

Wenn dich das näher interessiert, findest du in diesen Artikeln weiterführende Gedanken und Gesprächsimpulse:

Vertrauensbruch: So gewinnst du wieder Boden unter den Füßen

Betrogen – und jetzt? Ein Weg durch Wut, Schmerz und Selbstzweifel

Vielleicht hilft dir diese kleine Übersicht, um für dich selbst klarer zu sehen, was gerade dran ist – oder worauf du (noch) wartest:

Beides ist möglich. Wichtig ist nicht, was du tun sollst – sondern was dich heilt.

Manchmal beginnt alles mit einer ehrlichen Entscheidung:

Ich will nicht mehr so festhalten – ich will in Bewegung kommen. Für mich. Für uns. Für das, was noch möglich ist.

Du musst nicht wissen, wie du ankommst.
Aber du darfst den ersten Schritt machen.

Impulse für deinen eigenen Weg

  • Was hat dich in diesem Text besonders angesprochen oder herausgefordert?
  • Gibt es eine Situation, in der du gerade zwischen Verzeihen und Vergeben stehst?
  • Was würde sich verändern, wenn du dir selbst erlaubst, noch nicht zu vergeben – und doch in Bewegung zu bleiben?

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Bildnachweis:

Titel: Erik Mclean from Pexels @canva

Kerstin Pletzer

Konfliktcoach, Mediatorin & Supervisorin (DGSv)
Ich helfe Menschen und Teams, Konflikte konstruktiv zu lösen – ohne Machtspiele oder Eskalation. Dabei setze ich auf nachhaltige Lösungen, die neue Handlungsspielräume schaffen und Souveränität auch in schwierigen Situationen ermöglichen.

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