11+ inspirierende Bücher über Konflikte, die keine Ratgeber sind

3. Nov. 2026 | Konfliktlösung, Persönliche Gedanken | 0 Kommentare

Wir wissen erstaunlich viel darüber, wie gute Kommunikation funktioniert. Wir kennen die vier Seiten einer Nachricht. Den meisten ist bewusst, wie grundlegend es ist, gut zuzuhören und sich klar mitzuteilen. Anschauliche Kommunikationsmodelle stehen in Schulbüchern, füllen Seminarordner und ganze Regalmeter in Buchhandlungen. Und trotzdem überwerfen sich langjährige Freunde, sprechen Geschwister jahrelang nicht miteinander, zerlegt sich ein Team über die Frage, wer wie den Pausenraum hinterlässt, driften ganze Gesellschaften auseinander.

Die Frage begleitet mich schon lange: Warum reicht all das Wissen nicht? Warum bekommen wir das mit den Konflikten immer noch nicht besser oder anders hin?

Die klügsten Antworten darauf habe ich in Büchern gefunden, die ich selbst gar nicht unter „Bücher über Konflikte“ einsortiert hätte. Oft kommt das Wort darin kaum vor. In einem Buch über Manieren. In einem russischen Roman von weit über tausend Seiten. In der Geschichte der Menschheit, in der Philosophie, in einer kleinen Kolumne über eine Nachbarin, die sich vor dem neuen Mieter fürchtet.

Deshalb sind meine Buchempfehlungen keine typischen Ratgeber. Du findest hier meine ganz persönliche Auswahl von Literatur und Sachbüchern, die meinen Blick auf Konflikte vertieft und erweitert haben, manche anspruchsvoll, manche federleicht, alle mit Gewinn gelesen.

Keines davon ist ein Handbuch zur Kommunikation oder Konfliktlösung. Aber jedes zeigt dir etwas darüber, was in uns Menschen passiert, wenn es eng wird, und manchmal hilft genau das mehr als jede Gesprächstechnik. Die bekannten Klassiker habe ich der Vollständigkeit halber ans Ende gestellt, ganz kurz, für alle, die noch einmal nachschlagen möchten.

Und weil gute Bücher nicht aufhören zu erscheinen, werde ich diese Liste immer wieder einmal aktualisieren.

Von Häuptlingen und guten Manieren

1/ David Graeber und David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit

Dieses Buch hat meinen Blick auf die Geschichte gründlich durchgeschüttelt. Graeber und Wengrow zeigen, dass Menschen seit Jahrtausenden ausprobieren, wie sie Macht und Gleichheit ausbalancieren können, und dass sie dabei weit erfinderischer waren, als uns der Geschichtsunterricht weismachen wollte. Manche Gemeinschaften lebten im Sommer in kleinen Gruppen unter der klaren Autorität eines Anführers und rückten im Winter in großen Häusern zusammen, wo vieles geteilt und gemeinsam entschieden wurde. Hierarchie war für sie offenbar kein Schicksal, eher eine Jacke, die man je nach Jahreszeit an und wieder auszieht.

Besonders hängen geblieben ist mir Kondiaronk, ein Wendat-Häuptling aus dem 17. Jahrhundert. Er war ein glänzender Diplomat, Redner und Stratege und gehörte zu den prägenden Köpfen beim Großen Frieden von Montreal 1701, bei dem rund vierzig indigene Nationen und die Kolonie Neufrankreich einen langen Krieg beendeten. Seine scharfe Kritik an den europäischen Verhältnissen fand ihren Weg nach Europa und die beiden Autoren vertreten die These, dass solche indigenen Stimmen das Denken der Aufklärung über Freiheit und Gleichheit mitgeprägt haben. Eine Schuld, die nie richtig anerkannt wurde.

Für alle, die mit Konflikten zu tun haben, steckt noch ein zweiter Schatz in dem Buch: die Schismogenese. Gemeint ist die Neigung von Gruppen, ihr eigenes Profil zu schärfen, indem sie sich von den Nachbarn abgrenzen (mehr dazu in meinem Konflikt-Glossar). Graeber und Wengrow übertragen den Gedanken auf ganze Kulturen. Die Gesellschaften im heutigen Kalifornien und an der Nordwestküste Nordamerikas etwa entwickelten sich in fast allem gegensätzlich, beim Wirtschaften ebenso wie beim Umgang mit Rang und Besitz, offenbar gerade weil sie nicht so sein wollten wie die anderen. Wer schon einmal erlebt hat, wie zwei zerstrittene Abteilungen mit jeder Besprechung ein Stück unversöhnlicher werden, erkennt das Muster sofort wieder.

2/ Asfa-Wossen Asserate: Manieren

Ein Buch über Manieren in einer Liste über Konfliktbücher? Unbedingt. Asserate ist ein äthiopischer Prinz, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, und er schaut mit dem Blick von außen auf unsere Umgangsformen. Dieser Blick sieht, was uns selbst längst selbstverständlich geworden ist. Warum gibt es in Europa überhaupt die Dame und den Herrn? Hängen die Haltung des Körpers und die Verfassung der Seele zusammen? Und warum denken wir so viel darüber nach, was mit unseren Händen passiert? Er schreibt über Gleichheit und Ungleichheit, über Konversation, Diskretion und Understatement, über Anreden, Titel und den schönen Schein.

Das Faszinierende: Das ganze Buch handelt von Kommunikation, ohne dass dieses Wort ein einziges Mal fallen müsste. Für Asserate wurden Manieren erfunden, damit Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen auskommen können, ohne einander ständig an die Gurgel zu gehen. Gleichzeitig zeigt er die ganze Doppelbödigkeit unseres Zusammenlebens. Höflichkeit kann ein schwieriges Gespräch überhaupt erst möglich machen, und sie kann Kränkungen und Machtgefälle so elegant verpacken, dass niemand mehr darüber spricht.

Und dann ist das Buch auch einfach sehr schön, Nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Haptik. Es liegt gut in der Hand und ist liebevoll gestaltet, mit kleinen Vignetten aus äthiopischen Handschriften. Die Sprache ist fein und elegant. Man genießt das Buch gern in Häppchen, mit einer Tasse Tee daneben.

Menschen und die große Frage nach gut und böse

Wenn Konflikte sich verschärfen, sortiert sich die Welt erstaunlich schnell in Gut und Böse. Auf der einen Seite stehen wir, die Vernünftigen, auf der anderen die, mit denen etwas grundsätzlich nicht stimmt. Wer verstehen will, was da mit uns passiert, kommt an der großen Frage nicht vorbei: Wie ist das eigentlich mit dem Bösen im Menschen? Die folgenden drei Bücher kommen zu unterschiedlichen Antworten. Gerade zusammen ergeben sie ein Bild, das kein Pauschalrezept zulässt und trotzdem viel erhellt.

3/ Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit

Kleine Randnotiz: Dieses Buch trägt denselben Untertitel wie das von Graeber und Wengrow, und beide erzählen tatsächlich eine ganz eigene Geschichte. Als ich davon hörte, habe ich mich sofort darauf gestürzt, mit einer einzigen Frage im Kopf: Gibt es noch Hoffnung für uns? Bregman widerspricht dem pessimistischen Menschenbild, das sich von Augustinus über Machiavelli und Hobbes bis zu Freud durch unser Denken zieht. Er sammelt Beispiele aus alter und jüngster Geschichte, in denen Menschen sich gerade unter Druck für Kooperation und Mitmenschlichkeit entschieden haben.

Ich gebe zu, ich habe beim Lesen immer wieder gezweifelt. Wie passen die Gräueltaten, die wir aus der Geschichte kennen, zu einem Menschen, der im Grunde gut ist? Diesen Widerspruch löst das Buch nicht ganz auf, und das muss es vielleicht auch nicht. Bregman beschreibt nämlich ebenso, wie gute Menschen Schlimmes tun, etwa weil ihr Mitgefühl nur der eigenen Gruppe gilt. Und er vergleicht Macht mit einem Betäubungsmittel, das uns unempfindlich macht für das, was wir anderen antun. Ein Bild, das ich nicht mehr loswerde.

Am meisten überzeugt hat mich sein Gedanke, dass unser Menschenbild sich selbst bestätigt. Wer anderen das Schlechteste unterstellt, bekommt es oft auch, und wer Vertrauen vorschießt, verändert damit sein eigenes Handeln und das der anderen. Mit Naivität hat das wenig zu tun. Es ist eher eine Einladung, diese Perspektive auszuprobieren und zu beobachten, was sie mit dir macht.

4/ Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen

Hannah Arendt ist eine meiner Heldinnen. Kaum jemand konnte so klar denken und das Gedachte so präzise in Worte fassen. 1961 verfolgte sie in Jerusalem den Prozess gegen Adolf Eichmann, einen der Organisatoren des Holocaust, und fand dort einen Menschen, der so gar nicht zum Bild des teuflischen Verbrechers passen wollte. Eichmann wollte dazugehören, Karriere machen, seine Pflicht erfüllen. Für dieses Phänomen fand Arendt die Formel von der Banalität des Bösen.

Viele haben ihr das übel genommen, manche wohl auch absichtlich missverstanden, als hätte sie die Taten verharmlost. Banal meinte bei ihr aber etwas anderes: ohne Tiefe. Sie hat sich geweigert, die Täter zu dämonisieren, weil man ihnen damit eine Abgründigkeit zuschreibt, die sie gar nicht besitzen.

Das Böse wuchert für sie an der Oberfläche, wie ein Pilz, während nur das Gute Tiefe hat. Und sein Nährboden ist Gedankenlosigkeit. Gemeint ist ausdrücklich keine Dummheit, denn Eichmann war nicht dumm. Er hat nur aufgehört, darüber nachzudenken, was sein Tun für andere Menschen bedeutet.

Für Konflikte steckt darin eine kostbare Erkenntnis. Wenn wir unser Gegenüber im Streit zum Ungeheuer machen, verleihen wir ihm eine Macht über uns, die es gar nicht hat, und hören selbst auf zu denken. Arendt hält dagegen: Selbst denken heißt selbst urteilen, und jeder Mensch behält die Möglichkeit zu sagen, da mache ich nicht mit. Besonders verstörend fand ich ihre Beobachtung, dass viele Täter durchaus versucht waren, das Richtige zu tun, und dieser Versuchung widerstanden haben.

Und sie hat gelebt, was sie schrieb. Nach dem Erscheinen des Buches verlor sie Freunde, die Freundschaft mit Gershom Scholem zerbrach, und sie verbrachte Jahre damit, ihre Position zu erklären. Verbittert ist sie dabei nicht. Sie blieb bei ihren Gedanken und trotzdem im Gespräch, und genau diese Verbindung aus Standfestigkeit und Offenheit macht sie für mich zum Vorbild.

5/ Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945

Über den Nationalsozialismus gibt es ganze Bibliotheken, und ich habe vieles davon gelesen. Trotzdem hat mir Götz Aly noch einmal einen neuen Zugang eröffnet. Die Frage im Titel ist ja genau die, die uns nicht loslässt, und oft ist das Thema so ungeheuerlich, dass man davor verstummt oder irgendwann lieber nicht mehr hinschaut. Mich hat das Buch auch deshalb so beschäftigt, weil es in meiner eigenen Familie Menschen gab, die mitgemacht haben, weil sie davon profitierten, ohne je selbst zu Tätern zu werden.

Aly holt das Geschehen aus der Ungeheuerlichkeit zurück in den Alltag, und genau dort wird es beunruhigend. Er beschreibt, wie sich das Leben vieler Deutscher im Kleinen verbesserte, durch höhere Renten, durch eine Krankenversicherung für Rentner und viele andere Annehmlichkeiten, die zum Teil durch kriegswirtschaftliche Ausbeutung und Zwangsarbeit finanziert wurden. In einem früheren Buch hat er dafür den Begriff der Gefälligkeitsdiktatur geprägt. So wuchs Schritt für Schritt das Einverständnis, man trug mit, schaute weg, wusste mehr, als man zugab, und irgendwann war eine Schwelle überschritten, hinter der es keinen Weg zurück mehr zu geben schien. Nur noch weiter, auch als längst klar war, wohin das führt.

Eine Beobachtung Alys trifft mich besonders: Unsere Erinnerungskultur ist wichtig, verführt aber leicht zu dem Gedanken, damals seien eben die Bösen am Werk gewesen und ich selbst wäre ganz sicher anders. Wer so denkt, ist schon auf dem falschen Gleis. Das Muster begegnet uns nämlich auch heute im Kleinen. Wenn in einem Team jemand ausgegrenzt wird, will kaum einer etwas Böses. Aber viele schauen weg, genießen die Ruhe oder die eigene sichere Position, und plötzlich sind alle Mitwisser.

Durchatmen mit Literatur

Nach so viel Schwere tut ein Wechsel gut. Romane und Geschichten können etwas, das kein Sachbuch schafft: Sie lassen dich einen Konflikt von innen erleben, mit Herzklopfen, Scham und manchmal einem Lachen.

6/ Leo Tolstoi: Krieg und Frieden

Bei diesem Buch weiß ich kaum, wo ich anfangen soll. So viele Menschen, so viele Situationen, so lebendig erzählt, dass du meinst, mit im Salon zu sitzen. Beim Lesen habe ich mich oft gefragt, wie das alles in einem einzigen Kopf entstehen konnte. Tolstoi zeigt Konflikte in allen Größen und Schattierungen: den inneren Kampf eines Menschen auf Sinnsuche, die Spannungen in Familien, den Zusammenprall einer erstarrten Adelsgesellschaft mit neuen Ideen und über allem den Krieg gegen Napoleon. Nichts davon steht für sich, alles wirkt ineinander.

Drei Szenen haben mich besonders gepackt. Da ist Pierre, in Frankreich aufgewachsen, der mit modernen Ideen in die russische Gesellschaft stolpert, unbeholfen wirkt und belächelt wird. Gerade als Außenseiter macht er sichtbar, nach welchen ungeschriebenen Regeln diese Welt funktioniert. Auf einer Fähre, in der Abenddämmerung, führt er mit dem desillusionierten Fürsten Andrej Bolkonski ein Gespräch über den Sinn des Lebens und die Frage, ob es nur das Begreifbare gibt oder noch etwas darüber hinaus. Zwei Welten, die so weit auseinanderliegen und sich trotzdem berühren. Und dann Marja, die ihren alternden, zunehmend unberechenbaren Vater pflegt, mit allem, was dazugehört: Zorn und Anhänglichkeit, Abhängigkeit und Erschöpfung. Wer selbst Eltern begleitet, wird kaum glauben, dass diese Seiten vor über 150 Jahren geschrieben wurden.

Kleiner Tipp für alle, die vor dem Umfang zurückschrecken: Die Übersetzung von Barbara Conrad liest sich erstaunlich frisch.

7/ Juli Zeh und Simon Urban: Zwischen Welten

Theresa und Stefan haben zusammen studiert, sich aus den Augen verloren und treffen sich als Erwachsene zufällig wieder. Sie bewirtschaftet den geerbten Bauernhof in Brandenburg und kämpft mit der Agrarpolitik, er macht Karriere bei einer großen Hamburger Zeitung. Daraus entspinnt sich ein Austausch in Mails und Chatnachrichten, und genau in diesem Hin und Her entfaltet sich der ganze Roman. Juli Zeh schreibt Theresa, Simon Urban schreibt Stefan, schon das ist ein Gespräch zwischen zwei Perspektiven.

Stadt und Land, Familie und Singleleben, Aktivismus und demokratische Prozesse: Alles, worüber unsere Gesellschaft gerade streitet, landet in diesen Nachrichten. Und das Erstaunliche passiert beim Lesen. Du verstehst Theresa, und eine Seite später verstehst du Stefan. In der Mediation nennen wir das Allparteilichkeit, und dieses Buch trainiert sie, ohne dass es sich nach Training anfühlt. Dazu zeigt es, wie Konflikte eskalieren, wenn nur geschrieben wird: ohne Tonfall, ohne Blick, ohne die Chance, einen harten Satz mit einem Lächeln abzufedern. Wer schon einmal in einer Familiengruppe am Handy einen Streit erlebt hat, weiß, was gemeint ist. Wie es ausgeht, verrate ich nicht. Nur so viel: anders, als man hofft, aber man klappt das Buch klüger zu.

8/ Mariana Leky: Kummer aller Art

Die kurzen Geschichten sind ursprünglich als Kolumnen in Psychologie Heute erschienen, und du kannst dir einfach eine herauspicken und merken, wie du beim Lesen wieder zu lächeln beginnst. Leky erzählt von Menschen, die wir alle kennen, der Nachbarin, dem Mann am Kiosk, von unglücklicher Liebe und Schulerinnerungen. Sie nimmt alles ernst, was das Leben schwer macht, und gibt trotzdem keinen einzigen Ratschlag. Das Schwere wird leichter, einfach weil jemand so genau und so liebevoll hinschaut.

Meine Lieblingsgeschichte für dieses Thema handelt von Frau Wiese und ihrer Angst vor Konflikten. Frau Wiese gehört zu den Menschen, die im Restaurant nie sagen, dass es nicht geschmeckt hat, und einen schrecklichen Haarschnitt lieber tragen, als den Friseur zu kritisieren. Über ihr ist ein neuer Mieter eingezogen. Sie hört jeden Schritt, jede Musik, und statt einmal zu klingeln, grübelt sie, ob man da überhaupt etwas sagen darf. Die Irritation wächst, bis daraus „funkelnder Zorn“ (Was für eine Formulierung 🙂 ) wird, und je größer ihre Wut, desto finsterer wird der Unbekannte in ihrer Fantasie. Bis es eines Tages an der Tür klingelt. Mehr verrate ich nicht.

Diese kleine Geschichte zeigt so treffend wie charmant, wie ein Konflikt vollständig im eigenen Kopf eskalieren kann, bevor überhaupt ein Wort gewechselt wurde. Wer Watzlawicks berühmte Geschichte mit dem Hammer kennt, wird schmunzeln.

Streiten und Reden

9/ Svenja Flaßpöhler: Streiten

Schon das Cover sagt, worum es geht: zwei antike Titanen, die miteinander ringen. Keine zwei Menschen, die gesittet am Tisch sitzen, sondern ein Kampf mit vollem Körpereinsatz. Die Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins gilt selbst als streitlustig, und sie plädiert dafür, dass wir das Streiten wieder lernen müssen.

Was mich begeistert: Sie beschönigt nichts. Im Streit geht es auch um Macht, um den Wunsch, sich durchzusetzen, um die Angst, die Beziehung zu verlieren, ausfällig zu werden oder abgestempelt zu werden. Ob ein Streit verbindet oder zerstört, entscheidet sich für Svenja Flaßpöhler daran, ob die Kräfte, die uns aneinander binden, stärker sind als der Drang, recht zu behalten. Darum scheuen wir den Streit. Aber wir brauchen ihn auch, weil wir darüber Beziehung gestalten und die wichtigen Dinge aushandeln müssen.

Den wichtigsten Gedanken des Buches trage ich seitdem mit mir herum. Das Ideal des rein vernünftigen Gesprächs greift zu kurz, weil Streit immer auch mit der ganzen Palette an schwierigen Gefühlen zu tun hat. Wut, Groll und Frust brauchen Orte, an denen sie herauskommen dürfen. Finden sie keine, werden sie giftig, für die Beziehung und für uns selbst. Manchmal ist eine Mediation genau so ein Ort.

10/ Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik

Zum Schluss dieses Teils ein Buch, das selbst ein Gespräch ist. Friedemann Schulz von Thun hat mit seinen Modellen und der Hamburger Schule der Kommunikationspsychologie die Art, wie wir über Kommunikation denken, über Jahrzehnte geprägt. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft und ein feiner Kenner des systemischen Denkens. Im Dialog gehen die beiden genau der Frage nach, mit der dieser Artikel begann: Warum funktionieren all die klugen Konzepte am Ende doch nicht so, wie wir hoffen?

Im Zentrum steht die Frage, warum Kommunikation in der Öffentlichkeit so schwierig geworden ist, warum so viele Debatten vergiftet wirken und was die Digitalisierung damit zu tun hat. Die beiden zeichnen genau nach, wie Polarisierung entsteht und wie sie sich selbst am Laufen hält, und fragen, wann ein Dialog hilft und wo er an seine Grenzen stößt. Unterwegs geht es um so überraschende Themen wie das Paradox der Entschuldigung und den Umgang mit Fehlern.

Was mich besonders anspricht: Rezepte für gelingende Kommunikation gibt es nicht. Kommunikation bleibt unberechenbar, sie kann immer scheitern und lässt sich nicht kontrollieren, und das ist vielleicht auch gut so, weil sie Ausdruck von Lebendigkeit ist.

Statt schneller Tricks bieten Pörksen und Schulz von Thun einen geistigen Rahmen und Werkzeuge, die uns wacher machen, damit wir begründet entscheiden können, wie wir handeln. Zwei Begriffe aus dem Buch begleiten mich seitdem: Stimmigkeit und Dilemmabewusstsein.

Wer auf den schnellen Kommunikationshack hofft, wird hier enttäuscht. Alle anderen finden ein Buch zum Mitdenken, humorvoll und ernsthaft zugleich, in dem ganz nebenbei die wichtigsten Konzepte der beiden auftauchen, vom Wertequadrat bis zur Unterscheidung von Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung, die auf Watzlawick zurückgeht.

Ein Blick nach vorn

11/ Monika Alleweldt: Die globale Befreiung von Angst und Gewalt. Ein Heilungsplan für die Erde

Nach Büchern, die sich mit allen schwierigen Facetten des Zusammenlebens beschäftigen, darf zum Schluss eines stehen, das fragt, was stattdessen möglich wäre. Monika Alleweldt habe ich bei einer Fortbildung im Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal kennengelernt, wo sie seit vielen Jahren lebt. Als junge Frau war sie lange Zeit in Guatemala, und das Leid, das sie dort sah, brachte sie zu der Überzeugung, dass Helfen allein nicht reicht. Damit sich im globalen Süden etwas ändert, muss sich auch bei uns grundsätzlich etwas ändern.

Ihr Buch entwirft eine große Vision von einem Zusammenleben ohne Krieg und Gewalt, und ich sage es gleich: Es fordert das übliche Denken heraus. Die Wirklichkeit holt uns schließlich tagtäglich ein. Alleweldt hält dagegen, dass Veränderung immer damit begann, dass Menschen etwas anders dachten, als es gerade üblich war, und an einer Vision festhielten, auch wenn sie unrealistisch schien. Bei ihr verbinden sich eine große Idee, Spiritualität und konkretes Handeln.

Ich habe dieses Buch nicht am Stück gelesen, sondern immer mal wieder ein Auszug oder ein Kapitel. Und ich gebe zu: Manches verstehe ich wohl immer noch nicht ganz. Ich empfehle es dir auch nicht als Programm oder Ideal , dem man folgen soll. Für mich ist es eher wie ein Lichtstrahl, den ich immer wieder aufsuche, wenn mich die Gegenwart zu sehr festhält und ich wieder größer denken möchte.

11+/ Neu auf meinem Stapel

Ferdinand von Schirach: Alexander

Im Moment lese ich dieses Buch von Ferdinand von Schirach. Ein Kinderbuch, das genauso gut für Erwachsene funktioniert. Und es geht um die große Frage: Wie können wir Menschen friedlich miteinander leben? Ich will nicht zu viel verraten. Es geht um ein antikes Abenteuer, eine Stadt, die gerade Krieg und Tyrannei erlebt hat, und einen Jungen, Alexander, der damit beauftragt wird, gute Gesetze zu finden.

Durch die kindliche Perspektive werden Dinge infrage gestellt, die wir Erwachsenen oft einfach als gegeben hinnehmen, oder Dinge, die wir gar nicht mehr als hinterfragenswert wahrnehmen, Fragen über Macht, Zugehörigkeit, Fairness, Gesetze und Regeln und wie es klappen kann, dass alle sich daran halten.

Und die Botschaft, dass Gerechtigkeit nicht etwas ist, dass einfach da ist oder auch nicht, sondern dass sie immer wieder erarbeitet, verhandelt und gebaut werden muss. All das wird nicht nur über die Texte transportiert, sondern auch über die liebevollen Illustrationen, die vom Autor selbst stammen.

Und die Klassiker?

Die gehören natürlich dazu, und es lohnt sich, sie nach Jahren noch einmal aufzuschlagen, weil man sie mit Lebenserfahrung anders liest. Paul Watzlawick zeigt in „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“, dass wir die Welt nicht einfach wahrnehmen, sondern durch Sprache und gemeinsame Deutungen erst herstellen, und damit auch unsere Missverständnisse. Friedemann Schulz von Thun hat mit „Miteinander reden“ und seinen vier Seiten einer Nachricht ein Standardwerk geschaffen. Wer ihn lieber im Gespräch als im Lehrbuch kennenlernt, ist mit dem Buch von Pörksen und ihm bestens bedient. Und Friedrich Glasl erklärt in „Selbsthilfe in Konflikten“, wie Eskalation abläuft und was du selbst tun kannst, bevor es bergab geht. Nicht zu vergessen die Reihe „Klärungshilfe“ von meinem Lehrer Christoph Thomann.

Fazit: Lernen aus Konfliktgeschichte(n)

Was all diese Bücher gemeinsam haben: Sie erinnern uns daran, dass Spannungen und Konflikte seit jeher zum menschlichen Miteinander dazugehören und oft Teil eines notwendigen Entwicklungsweges sind, für Individuen, aber auch für Gruppen und Gesellschaften. Im Konflikt besteht immer die Gefahr, dass man die Welt nur noch punktförmig erleben: Alles ist hier und jetzt auf die schlimmen Momente zusammengeschnurrt, und wir wollen nur noch möglichst schnell eine Lösung.

Wenn wir uns dem Thema aber vor dem Hintergrund von Geschichte(n) nähern, sehen wir den großen Bogen. Oft wissen wir erst am Ende, dass die Zeiten von „Keine–Lösung–in-Sicht“ ein notwendiger Geburtsprozess von etwas Neuem waren.

In Geschichten können wir uns wiederfinden und uns Mut und Durchhaltevermögen holen. Und wir können unsere eigenen Geschichten erzählen, und irgendwann erstaunt feststellen, dass wir währenddessen unseren Weg hindurch gefunden haben.

Welches Buch hat deinen Blick auf Konflikte verändert?

Weiterlesen

https://kerstin-pletzer.de/frieden-ist-eine-entscheidung/

https://kerstin-pletzer.de/ueber-die-doerfer/

https://kerstin-pletzer.de/konflikt-glossar/

Bildnachweis

eigenes Material

Kerstin Pletzer

Konfliktcoach, Mediatorin & Supervisorin
Ich bin Kerstin, Jahrgang 1960, und beschäftige mich damit, Gespräche wieder möglich zu machen: über Belastendes, Übersehenes, Verdrängtes. Mich interessiert jedes Gesprächsformat – tiefgründig, alltäglich oder herausfordernd, am Küchentisch, unterwegs oder mitten im Arbeitsalltag. Für mich gehört ein gutes Gespräch zu den stärksten menschlichen Erfahrungen. Hier schreibe ich über das, was dabei hilft, Verständigung herzustellen und Verbindung zu halten.

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