Frieden ist eine Entscheidung. – Sich Frieden zu wünschen ist keine Floskel, es ist ein echtes, tiefes Bedürfnis. Frieden gibt uns Sicherheit, Raum zum Atmen, die Möglichkeit, uns zu entfalten. Und trotzdem tun wir uns so schwer damit, ihn herzustellen und zu halten. In der großen Weltpolitik wie auch in unserem ganz konkreten Alltag.
Ein Beispiel:
Neulich schnappte mir jemand auf dem Parkplatz die letzte freie Lücke weg. Knapp, absichtlich, mit diesem kleinen Triumph im Blick. Und in mir, noch bevor ich auch nur einen Gedanken gefasst hatte, war es schon da: der Impuls, auszusteigen, denjenigen in den Senkel zu stellen, mich zu behaupten. In diesem Moment war ich mitten im ältesten Muster, das wir kennen: Wer setzt sich durch? Wer triumphiert? Wer verliert, und wer rächt sich mit einem finsteren Blick?
Dasselbe Grundprinzip, nur mit anderen Dimensionen und anderen Konsequenzen, zeigt sich, wenn jemand am Arbeitsplatz die Stelle bekommt, die wir uns erhofft haben. Oder wenn innerhalb einer Familie jahrelang eine alte Verletzung nicht ausgesprochen und irgendwann der Kontakt abgebrochen wird. Oder wenn zwischen Staaten Konflikte so lange ungelöst bleiben, bis es keine andere Sprache mehr gibt als Gewalt.
Dabei ist Frieden nicht nur Ruhe, Stille oder sichere Ordnung. Das gehört natürlich dazu, ist aber eher der Zustand oder die innere emotionale Seite von Frieden. Frieden ist auch ein aktiver sozialer Prozess: Er umfasst viele innere und äußere Schritte und Bemühungen um Ausgleich, Gerechtigkeit und Versöhnung.
Seit 25 Jahren begleite ich Menschen in Konflikten. Ich weiß, wie viele hervorragende und wirkungsvolle Werkzeuge es dafür inzwischen gibt: Gewaltfreie Kommunikation, Mediation, Verhandlungstechniken, Gesprächspsychologie.
Und trotzdem hat mich in den letzten Jahren eine Frage nicht mehr losgelassen: Warum machen wir in Bezug auf Frieden in der Welt scheinbar Rückschritte? Warum gibt es mehr eskalierende und sich ausbreitende Konflikte, im Kleinen wie im Großen?
Was ich auf der Suche nach einer Antwort gefunden habe, in Kursen, in Büchern, in der Arbeit mit anderen, hat mein Denken noch einmal geschärft und den Fokus neu ausgerichtet.
Fünf Gedanken dazu.
1. Konflikte eskalieren nicht. Wir eskalieren sie.
Konflikte gehören zum Leben. Sie entstehen, weil wir unterschiedliche Bedürfnisse und Wahrnehmungen haben, und weil wir alle bestimmte Muster in uns tragen, die sich in schwierigen Situationen einschalten: Feindseligkeit, Misstrauen, das schnelle Verurteilen, das: „Bist du für mich oder gegen mich?“ Wenn wir ihnen unreflektiert folgen, erzeugen sie Konflikte oder verstärken sie, auch, ohne dass wir das beabsichtigen.
Das kennen die meisten aus eigener Erfahrung, auch wenn sie es vielleicht nicht so nennen würden. Büro ist Krieg, hieß es in der Nullerjahre-Serie Stromberg. Viele, auch ich, haben das damals amüsiert geschaut, und gleichzeitig ein Stück ihres eigenen Erlebens darin wiedererkannt: Gemeinheiten unter Kollegen, lästern, ausstechen, konkurrieren. Der Chef ist der schlimmste von allen. Wer sich nicht durchsetzt, geht unter.
Oder nehmen wir den Begriff Rosenkrieg: Wir alle wissen, was gemeint ist, wenn eine Ehe am Ende ist und nur noch Kampf da ist. Der Begriff Krieg ist hier keine Übertreibung, denn das ganze kann eskalieren, bis die Gesundheit, Lebensgrundlage, und alle Beteiligten am Ende sind.
Aus einem Missverständnis wird ein Vorwurf, aus einem Vorwurf wird eine Verletzung, aus einer Verletzung wird Hass. Und irgendwann hat sich etwas aufgebaut, das sich kaum noch rückgängig machen lässt. Das kenne ich aus Scheidungsverfahren, aus Teamkonflikten, aus Nachbarschaftsstreitigkeiten, die jahrelang vor Gericht ausgetragen werden.
Krieg ist nicht ein anderes Phänomen als Konflikt. Krieg ist der Zustand, in dem Konflikte keine andere Lösung mehr kennen. Natürlich haben alle Kriege komplexe Ursachen: jahrzehntelange Entwicklungen, wirtschaftliche Interessen, geopolitische Verschiebungen. Das lässt sich nicht auf menschliche Psychologie reduzieren.
Aber das Grundprinzip ist dasselbe: ein Denken in Polaritäten und Kategorien: Stärke – Schwäche, Gewinner – Verlierer, Freund – Feind.
2. Konflikt beginnt im eigenen Inneren. Frieden auch.
Wahrscheinlich würde das jeder sofort unterschreiben. Und trotzdem ist es etwas ganz anderes, wenn man es nicht nur weiß, sondern einmal wirklich von innen heraus erlebt, fühlt und begreift. Nicht als Konzept, sondern als Erfahrung, die das eigene Denken und Handeln tatsächlich verändert. Genau das ist mir in den letzten Jahren passiert.
Der Auslöser war 2022 ein dreimonatiges Online- Training beim Friedensforschungszentrum Tamera. Die zentrale Frage dort: Was sind die inneren Bedingungen von Frieden? Nicht die äußeren Strukturen, sondern das, was vorher passieren muss. Das hat etwas in mir aufgemacht.
Als Mediatorin war mein Blick lange auf das gerichtet, was zwischen Menschen passiert: Kommunikation, Dynamiken, Interaktion. Aber seitdem schaut ein zweiter Blick mit, einer nach innen. Ich sehe jetzt klarer, wie wir im Alltag mit uns selbst umgehen: wie wir uns selbst kritisieren, antreiben, verurteilen, wie wir Seiten von uns unterdrücken, weil sie gerade nicht passen. Wir behalten solche inneren Dialoge natürlich in der Regel bei uns und merken dadurch nicht, dass unser Umgang mit uns selbst oft alles andere als gewaltfrei ist.
Und was wir innen tun, tun wir häufig auch außen. Wer sich selbst kaum Fehler erlaubt, erträgt sie auch bei anderen schlecht. Wer innerlich ständig kämpft, tut das auch im Außen. Ich schließe mich selbst ausdrücklich ein.
Besonders dann, wenn wir überzeugt sind, dass es um das Gute geht, das unbedingt erreicht werden muss, sind wir besonders schnell bereit, dabei etwas Schlechtes in Kauf zu nehmen. Das Ziel heiligt die Mittel. In diesem Moment haben wir das Freund-Feind-Schema bereits vollständig aufgebaut, ohne es zu merken.
Was ich in diesem Training neu verstanden habe, ist zweierlei. Erstens: Innerer Frieden bedeutet nicht, die eigenen Impulse zu unterdrücken oder zu verleugnen. Es geht darum, sie wahrzunehmen und bewusst mit ihnen umzugehen, statt sie automatisch nach außen zu projizieren. Und zweitens: Wir stellen uns diese Frage viel zu selten. Weil wir in Konflikten so sehr damit beschäftigt sind, uns zu behaupten oder zu schützen, denken wir kaum darüber nach, was Frieden in dieser Situation eigentlich bedeuten würde. Schon dieser Fokus-Wechsel, von „Wie setze ich mich durch?“ zu „Was braucht es hier für Frieden?“ kann etwas verschieben.
Diesen Blick nach innen zu üben ist keine Nabelschau. Es ist, aus meiner Sicht, die eigentliche Grundvoraussetzung für alles andere.
3. Zugehörigkeit ist unser stärkster Antrieb – und unser blinder Fleck
Wie oft hast du selbst schon mal etwas gedacht und dann doch nicht gesagt, weil alle anderen scheinbar anderer Meinung waren?
Im sogenannten Asch-Experiment sollten Teilnehmer einschätzen, welche von drei Linien genauso lang ist wie eine Referenzlinie. Die Antwort war eigentlich eindeutig. Was die echten Versuchspersonen nicht wussten: Alle anderen im Raum waren eingeweiht und nannten einstimmig die falsche Linie. Ein erstaunlich großer Teil folgte ihnen trotzdem. Sie wussten es besser. Und schwiegen, weil es kaum auszuhalten ist, der Einzige zu sein, dem etwas anderes auffällt.
Hape Kerkeling hat es einmal auf die Spitze getrieben: Als verkleideter polnischer Tenor trug er vor Klassikpublikum eine völlig absurde, frei erfundene Oper vor. Das Publikum diskutierte ernsthaft über ihre Bedeutung, weil niemand der Einzige sein wollte, der es nicht versteht. Den Sketch findest du hier, er ist von 1991, aber zeitlos gültig.
Zugehörigkeit sitzt tiefer als die meisten denken. Als soziale Wesen brauchen wir die Gruppe für unsere Sicherheit, unsere Entwicklung, für fast alles eigentlich. Und genau deshalb ist die Angst vor dem Ausschluss so wirkmächtig, dass sie selbst gut ausgebildete, reflektierte Menschen dazu bringt, zu schweigen und mitzumachen.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist so existenziell, dass wir dafür die eigene Wahrnehmung verbiegen. In Richtung der Gruppe, die uns Sicherheit gibt. Fast ohne es zu merken. Und wir tun sehr viel, um die Normen und Werte unserer Bezugsgruppe zu vertreten und zu verteidigen. Gegen Menschen von außen, manchmal aber auch gegen die von innen, die anfangen zu zweifeln oder unbequeme Fragen zu stellen.
Das klingt nach menschlicher Schwäche und Fehlbarkeit, ist aber ein evolutionären Mechanismus. Denn es kann ein Vorteil sein, mit allen anderen zu fliehen, wenn eine Gefahr droht. Wer jedes Mal lange überlegen, und sich ein eigenes Bild machen wollte, würde das vielleicht nicht überleben.
So sind wir gebaut. Wir können unsere Reflexe nicht ändern, wir können aber bewusst mit ihnen umgehen. Es erklärt aber auch, warum es so schwer sein kann, auszusteigen, selbst wenn man genau weiß, was gerade passiert. Das Wissen schützt uns nicht automatisch vor dem Muster. Das finde ich gleichzeitig ernüchternd und irgendwie beruhigend.
Wie uns das in Gruppenzusammenhängen passieren kann, habe ich in zwei anderen Artikeln beschrieben, einmal zum Thema Gruppenprozesse verstehen und einmal aus meiner eigenen Erfahrung, als ich selbst Beratung brauchte.
4. Frieden ist eine Entscheidung
Der Mediator Ed Watzke, den ich sehr schätze, stellt seinen Klienten zu Beginn einer Mediation eine Frage, die so überraschend wie wirkungsvoll ist:
Wollen Sie wirklich Frieden? Wollen Sie wirklich vom Kriegs- auf den Friedenspfad wechseln?
Damit zeigt er ihnen auf, dass sie an einer Weggabelung stehen: den Weg des Konflikts weitergehen oder auf den Friedenspfad wechseln. Beides ist möglich. Aber es geht nicht von alleine. Sie müssen sich entscheiden.
Das trifft es für mich sehr genau. Frieden ist keine Haltung, die man einmal einnimmt und dann hat. Es ist eine Entscheidung, die man täglich und immer wieder neu treffen muss. Und wenn wir ehrlich sind: Wir entscheiden uns nicht immer dafür.
Manchmal WOLLEN wir gewinnen, recht behalten, den anderen spüren lassen, was er angerichtet hat. Manchmal nehmen wir in Kauf, dass der andere und sogar wir selbst Schaden nehmen. Wie in dem berühmten Beispiel des Ehepaares im Auto, dass sich heftig streitet, bis zum Schluss einer sagt: Wenn du jetzt nicht aufhörst, fahre ich uns vor einen Baum!
Auch wenn es unseren moralischen Ansprüchen nicht gerecht wird: Wir haben diesen Teil in uns, der speziell in Konflikten und Bedrohungen aktiviert wird und nur noch die eine Richtung kennt – den Kopf oben behalten, um jeden Preis.
Es sei denn, es wird uns bewusst, und wir steuern dagegen.
Ich sage dir direkt, dass ich das selbst nicht immer hinbekomme. Wenn ich mich herausgedrängt, ungerecht behandelt fühle oder Nachteile erlebe, dann steigt es auch in mir hoch, unmittelbar und ohne Vorwarnung. Was ich aber merke: Ich nehme diese Momente inzwischen öfter wahr, erkenne, was gerade passiert, und manchmal gelingt es mir, herunterzufahren, bevor ich reagiere.
Es lohnt sich dabei auch, den Blick umzudrehen. Wenn jemand in einem Konflikt nicht in das Drama einsteigt, sondern bei sich bleibt, sind wir oft eher irritiert als erleichtert oder werten das als Schwäche. Das sagt einiges darüber, wie wir Frieden als Entscheidung noch immer unterschätzen. Denn Frieden wählen bedeutet vor allem eines: Verantwortung übernehmen für die eigenen Reaktionen, für die eigenen Impulse, für die Folgen dessen, was man tut oder lässt.
Frieden ist eine Entscheidung. Und Arbeit.
Dabei wird Frieden oft verwechselt mit Harmonie, mit Nachgeben, oder mit dem Zustand, in dem sich am Ende alles so fügt, wie ich es für richtig halte. Aber das ist keines davon. Frieden ist kein Zustand, den man erreicht und dann hat, er ist ein Weg, für den wir uns immer neu entscheiden, und der aktiv gesucht, ausbalanciert und ausgehandelt werden muss.
Denn Frieden ohne Lebendigkeit und Auseinandersetzung erstarrt. Er wird, wie Friedemann Schulz von Thun es so treffend nennt, friedhöflich – höflich an der Oberfläche, aber innerlich längst aufgegeben.
5. Verbundenheit als Ressource
Wir wissen eigentlich, dass Eskalation sinnlos ist und nur Unheil anrichtet. Wir wissen, dass der andere auch nur ein Mensch ist, mit eigenen Ängsten und Verletzungen. Wir wissen das alles und können oft trotzdem nicht aufhören zu kämpfen. Weil Wissen allein nicht reicht. Das ist, glaube ich, eine der unbequemsten Erkenntnisse, zu der ich in den letzten Jahren gekommen bin.
Konflikte tun etwas sehr Spezifisches mit uns: Sie schleudern uns ins eigene Ich. Wir ziehen uns zurück, schützen uns, behaupten uns. Sie verengen uns. Der Blick wird schmal, der Gedankenraum klein, und plötzlich dreht sich alles um diese eine Person, diese eine Verletzung, diesen einen Moment. Die Verbindung zum anderen wird zur Bedrohung, also kappen wir sie. Das ist in einem akuten Konfliktmoment nicht falsch, es ist biologisch sinnvoll. Schwierig wird es, wenn dieser Modus uns so vollständig übernimmt, dass wir es gar nicht mehr merken. Wenn wir irgendwann so sehr in diesem Denken feststecken, dass uns eine andere Perspektive schlicht nicht mehr zugänglich ist.
Was sonst noch da ist, das gute Leben, andere Menschen, die Natur, die eigene Tiefe, das alles verschwindet hinter dem Tunnelblick des Konflikts.
Die Gegenbewegung
Die Gegenbewegung dazu ist nicht, sich mit dem anderen zu verbinden. Das klingt vielleicht naheliegend, aber mitten in einem Konflikt ist es meist weder möglich noch ratsam. Wir müssen uns zuerst auseinandersetzen, im wahrsten Sinne des Wortes, bevor wir in Verbindung gehen können.
Mit Verbundenheit als Ressource meine ich zunächst etwas anderes: wieder in Kontakt kommen mit dem, was uns trägt. Mit dem, was in uns lebendig ist, auch wenn gerade alles schwierig ist.
Das ist ein fundamentales Bedürfnis. Wer sich dauerhaft abschneidet, von anderen, von dem, was ihn bewegt, von allem, was über die eigene Enge hinausgeht, wird ängstlicher und starrer und damit unweigerlich anfälliger für Konflikte. Was auf den ersten Blick wie Streitlust wirkt, ist oft der Wunsch nach Verbindung, der keinen anderen Weg findet. Konflikte entstehen häufig genau dort. Und sie sind in gewissem Sinne auch ein Versuch, wieder zu spüren, dass man zählt.
Verbunden, nicht angepasst
Das kann ganz unspektakulär aussehen. Morgens aufschreiben, was schon da ist, was gerade trägt, was gut ist, am besten in einem kleinen Notizbuch, in dem sich diese Wahrnehmungen über Zeit sammeln und in dem man blättern kann, wenn sich der Alltag mal wieder grauer zeigt, als er es wirklich ist. Ein Spaziergang in der Natur, bei dem man sich wirklich hineinfallen lässt, statt gleichzeitig das nächste Problem zu sortieren. Sich selbst liebevoll wahrnehmen, auch an Tagen, an denen man mit sich hadert. Alltägliche Dinge mit Bewusstsein tun: ein Abendessen kochen, einem Hobby wirklich nachgehen, dem folgen, was sich stimmig anfühlt, statt nur den Anforderungen von außen zu entsprechen.
Es sind die Momente, die fast jeder kennt und die im Alltag oft als erstes wegfallen, weil sie nichts produzieren, was man vorzeigen kann. Die Psychologie nennt das Selbsttranszendenz: Momente, in denen wir gleichzeitig ganz bei uns sind und Teil von etwas Größerem. Was dabei entsteht, ist keine Harmonie und kein Auflösen von Unterschieden, sondern eine Art innere Geräumigkeit. Und genau die hilft uns, wenn die nächste Konfliktdynamik wieder an unserem Ich zerrt und wir drohen, in Selbstschutz und Verurteilung zu verstricken.
Diese Erfahrung ist nicht durch Nachdenken zugänglich, sondern durch Übung. Deshalb müssen wir uns aktiv darum bemühen, in ruhigen Zeiten, als Praxis, damit sie in schwierigen Momenten zumindest als Erinnerung vorhanden ist. Ich tue das selbst, auf Wegen, über die ich demnächst mehr schreiben werde.
Das heißt nicht, dass wir keine Konflikte mehr erleben oder es keine Spannungen mehr geben wird. Aber wir haben einen anderen Zugang, von dem aus manchmal Schritte möglich werden, die vorher nicht denkbar waren.
Es trotzdem tun.
Ich höre manchmal den Einwand: Alles schön und gut, aber es verändert nichts in der Welt. Die Entscheider erreicht es nicht, und denen geht es sowieso nur um Macht. Oder: Wenn nur dieses oder jenes System abgeschafft würde, dann würde sich alles zum Besseren wenden.
Ich verstehe das. Das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht ist real, und es gibt tatsächlich Menschen, denen es vor allem um Macht geht, und Systeme, in denen viel Unrecht passiert.
Und trotzdem: Diese Systeme wurden von Menschen gebaut. Und Menschen bauen weiter an ihnen, jeden Tag, in kleinen und großen Entscheidungen, die wiederum die Menschen prägen, die in ihnen aufwachsen und leben.
Es hilft nichts. Auch wenn man die Früchte vielleicht nie erlebt: Es geht darum, im eigenen Bewusstsein aufzuräumen, sich nicht nur in Aktion und Reaktion, in Freund-Oder-Feind Schemata zu bewegen. Umso eher spiegeln sich auch unsere äußere Handlungen und irgendwann die Systeme, an denen wir mitbauen, darin wider.
Es gibt die Welt, die wir erschaffen, und es gibt die Welt, die uns erschaffen hat.
Die beiden müssen zusammenkommen. Das ist das Ziel der Reise.
– Dieter Duhm, Mitbegründer von Tamera
Was bleibt
Was diese Suche mir nicht gegeben hat, sind einfache Antworten, eher das Gegenteil: Ich sehe mehr Schichten, mehr Komplexität, mehr Felder, auf denen sich entscheidet, was aus Konflikten wird. Ein paar Gewissheiten habe ich verloren. Aber ich habe Fragen gewonnen, die mich wirklich weiterbringen.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Zusammenfassung, die ich geben kann: Frieden beginnt nicht dort, wo große Entscheidungen getroffen werden. Er beginnt auf dem Parkplatz. Im Meeting. Am Küchentisch. In dem Moment, wo etwas in dir hochsteigt und du eine winzige Sekunde hast, bevor du reagierst.
Was das konkret bedeutet, welche Werkzeuge helfen und was Friedensarbeit im Alltag wirklich ist, darüber werde ich demnächst mehr schreiben.
Wo führst du gerade, ganz im Kleinen, deinen eigenen inneren Krieg?
Und was wäre, wenn du dich heute, für diesen Moment, für den Friedenspfad entscheidest?
Das ist nicht leicht. Aber es ist möglich.
Weiterlesen
https://kerstin-pletzer.de/gruppenprozesse-verstehen/
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Bildnachweis
Titel: eigenes Matarial


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