Gesellschaftlicher Vertrauensverlust: Was viele spüren, aber niemand laut sagt

9. Jan. 2026 | Gedanken zur Gegenwart, Vertrauen | 2 Kommentare

Diese neue Zurückhaltung im Umgang miteinander.

Du merkst es nicht sofort. Die Oberfläche ist intakt. Wir grüßen uns, sprechen miteinander, arbeiten zusammen. Aber unter dieser Oberfläche? Da hat sich etwas verschoben.

Menschen sind vorsichtiger geworden. Sie taktieren mehr, gehen bestimmten Themen aus dem Weg. Konflikte werden weniger ausgetragen, eher vermieden – oder über Verfahren und Regeln gelöst. Als ließe sich das Risiko von Beziehung auf diese Weise eindämmen. Eine Reserviertheit. Ein inneres „Lieber-nicht-zu-nah-ran“.

Manche prüfen sehr genau, wem sie was sagen oder auch nicht.

Ich selbst merke es an den Klickzahlen. Meine Blogartikel über Vertrauensbruch und Vertrauensverlust werden durchgehend am meisten gelesen – nicht die über Kommunikationstipps, nicht die über Konfliktlösung. Monat für Monat. Als wäre da ein kollektiver Nerv getroffen, den niemand laut benennen mag.

Viele spüren das. Auch wenn nicht alle darüber sprechen.

Denn wenn dieser Befund stimmt – und vieles deutet darauf hin –, dann müssen wir hinschauen. Nicht irgendwann. Jetzt.

TL;DR
Spürst du es auch? Diese neue Vorsicht, dieses „lieber nicht zu nah ran“? Studien erklären den Vertrauensverlust mit Digitalisierung, Globalisierung, Komplexität und sozialen Medien – aber sie übersehen etwas: Wir haben kollektiv erlebt, dass Verbindung gefährlich werden kann. Diese unverarbeitete Erfahrung wirkt noch heute. Und der Weg zurück beginnt nicht mit Appellen, sondern mit Selbstvertrauen.

Es ist nicht nur ein Bauchgefühl.

Das, was ich seit längerem beobachte, hat inzwischen einen Namen bekommen: Vertrauensverlust.

Wem kann man eigentlich noch vertrauen. Worauf kann man sich noch verlassen. Das ist doch DIE Frage überhaupt gerade …“

Dieser Satz fiel vor ein paar Wochen in einem Gespräch mit einer Kollegin bei einer Tasse Kaffee. Sie sagte das nicht als Frage, sondern fast wie eine Feststellung. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle im sozialen Bereich, hört viel, sieht viel. Aber dass sie das sagte, nicht als Fallbeschreibung über andere, sondern als ihre eigene Erfahrung, das saß.

Die Diagnose ist inzwischen überall:

Laut der Edelman Trust Studie 2025 hegten 69 % (!) der Befragten einen moderaten oder starken Groll gegenüber Regierung, Unternehmen und den Wohlhabenden, welcher das gesellschaftliche Vertrauen unter Druck setze. Das ist keine Randerscheinung mehr.

Groll, ein altmodisch anmutendes Wort. Aber was ist das eigentlich?

Groll (lt. Duden) 
heimliche, eingewurzelte Feindschaft oder verborgener Hass, zurückgestauter Unwille, der durch innere oder äußere Widerstände daran gehindert ist, sich nach außen zu entladen, und Verbitterung hervorruft.

69 % der Menschen tragen also diesen ‚zurückgestauten Unwillen‘ in sich – gegenüber denen, die zum Teil auch immer wieder beschwören, wie wichtig das Vertrauen sei. Das ist keine Wut, die sich entlädt und dann vorbei ist. Das ist etwas, das im Untergrund wirkt.

Der Publizist und Autor Sascha Lobo schreibt über Die große Vertrauenskrise, der Soziologe Aladin El-Mafaalani über Misstrauensgemeinschaften. Die Regale sind voll mit diesen Themen.

Die Erklärungen gehen im Großen und Ganzen in eine ähnliche Richtung: Die Welt ist komplexer geworden, unübersichtlicher; soziale Medien verstärken Polarisierung; Menschen suchen nach einfachen Antworten auf schwierige Fragen; Fake News, Filterblasen, Demokratiekrise, Finanzprobleme, Ungleichheit.

Alles richtig und nachvollziehbar.

Dennoch: Fehlt da nicht etwas?

Der Elefant im Raum

Zwei Dinge weiß ich aus meiner Arbeit als Mediatorin:

1. Manchmal gibt es in Gruppen und Großgruppen das Phänomen des berühmten Elefanten im Raum. In der Regel ist es ein großes, offensichtliches Thema. Alle wissen, dass es da ist, trotzdem spricht niemand es an. Weil es heikel ist, schwierig, zu kontrovers oder konflikthaft. Aus Scham oder Sorge, jemanden zu verletzen oder ein Tabu zu brechen. Das Schweigen aber verstärkt die Spannung und verhindert echte Lösungen.

2. Wenn das Vertrauen in einer Familie, einem Team oder einer Gemeinschaft im Keller ist, hat das Folgen. Ohne Vertrauen wird alles schwieriger. Es gibt weniger Verbindung. Weniger Resonanz. Weniger echtes Mitgefühl. Alles fühlt sich unsicherer und riskanter an. Es fließt viel Aufmerksamkeit in Abgrenzung und Schutz. Ein kreatives Miteinander, ein entspanntes Entwickeln und Lernen sind kaum möglich.

Und wie ist das bei dir?

Lass mich dich etwas fragen – nicht als Test, sondern als Einladung, ehrlich hinzuschauen:

Wann hast du zuletzt innerlich abgewogen, ob du etwas sagen sollst oder nicht?

Nicht, weil es unhöflich gewesen wäre. Nicht, weil es der falsche Zeitpunkt war. Sondern weil du gespürt hast: Das könnte schwierig werden. Das könnte Ärger geben. Das könnte die Beziehung belasten.

Gibt es Menschen in deinem Umfeld, mit denen du früher offener warst? Mit denen du heute bestimmte Themen meidest? Vielleicht, ohne dass ihr je darüber gesprochen habt, dass diese Themen jetzt tabu sind?

Und was macht das mit dem Vertrauen?

Wenn wir anfangen, Themen zu sortieren – in „sichere“ und „riskante“ –, dann verändert sich die Qualität unserer Beziehungen. Wir zeigen uns nicht mehr mit offenem Visier. Wir halten etwas zurück, werden strategisch.

Das ist Selbstschutz und sehr verständlich. Aber es hat auch einen Preis.

Deshalb ist es wirklich wichtig , dass wir verstehen, warum das Vertrauen gerade so massiv schwindet. Nicht nur die offensichtlichen Gründe nennen. Sondern hinschauen auf das, was darunter liegt. Auf das, worüber keiner spricht.

Der Blinde Fleck

Was mich an vielen klugen Analysen zum Vertrauensverlust irritiert: Sie kreisen um Symptome, um Strukturen, Technologien, Trends. Aber über das eine konkrete Ereignis, das uns alle jüngst getroffen hat, spricht kaum jemand.

Kennst du das? Diese Momente, wo dir jemand sagt: „Seit Corona ist unsere heile Welt vorbei“ oder „Irgendwie ist seit einiger Zeit alles out of control …“

Ich höre das immer wieder. Und ich spüre es auch. Als diffuse Unruhe. Als ob sich etwas verschoben hat – nicht nur politisch oder gesellschaftlich, sondern zwischen uns Menschen selbst.

Und was mich stutzig macht: Dass genau darüber so wenig gesprochen wird. Nicht in den Studien, nicht in den Büchern, nicht in den Talkshows. Oft nicht einmal im eigentlich vertrauten privaten Rahmen. Als hätten wir kollektiv beschlossen: Vorbei, Schwamm drüber, nach vorne schauen.

Aber was, wenn genau das Teil des Problems ist?

Was, wenn der Vertrauensverlust, den wir gerade erleben, nicht nur mit Globalisierung, Digitalisierung und Komplexitätsstress zu tun hat, sondern mit etwas, das uns allen passiert ist, und das wir bis heute nicht verarbeitet haben?

Dafür muss ich kurz einen Umweg machen – über etwas, das zunächst nichts mit Gesellschaft zu tun zu haben scheint, aber in Wahrheit ihr Fundament ist: Bindung.

Vertrauen entsteht in der Bindung

Psychologisch gesehen entsteht Vertrauen in der Kindheit. In der Bindung zu unseren ersten Bezugspersonen. Ein Kind wird in diese Bindung hineingeboren. Es schreit, es äußert sich, es kann noch nicht sprechen. Und die Bezugsperson antwortet: Sie deutet die Gefühle, nimmt sie ernst. Sie hält das Kind, beruhigt und tröstet es.

Das sind Grundformen von Kommunikation und von Beziehung: Innere Regungen ausdrücken, gesehen, ernst genommen, gehalten werden. Eine Antwort bekommen.

Kind Vertrauen Erwachsener

Und genau in dieser Bindungsbeziehung entscheidet sich wie sicher – oder unsicher – unser Urvertrauen oder Grund-Vertrauen sich entwickelt („Basic Trust“, nach dem Entwicklungspsychologen Erik H. Erikson).
Erfahre hier mehr darüber.

„Der Mensch wird am Du zum Ich“ – so hat es der Philosoph Martin Buber in seiner Dialogphilosophie formuliert.

Urvertrauen (n. Wikipedia)
Nach Erikson erwirbt der Säugling im ersten Lebensjahr, in der oralen Phase Freuds, ein Grundgefühl, welchen Situationen und Menschen er vertrauen kann und welchen nicht. Es erlaubt dem Menschen, seine Umwelt differenziert wahrzunehmen und zu beurteilen, und entspricht in der Gefühlsqualität der optimistischen Zuversicht des Erwachsenen im selbstvertrauenden Umgang mit der Welt.

Grundvertrauen geht einher mit Selbstvertrauen, dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wir trauen uns heraus, probieren, machen Erfahrungen, verinnerlichen sie, gehen neue Schritte. So entwickelt sich unser Vertrauensverhältnis zur Welt. Und so lernen wir.

Entscheidend ist dabei: Bindungsqualität und die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, hängen eng zusammen.

Und das bleibt auch wichtig, wenn wir erwachsen sind: Das Bedürfnis, gesehen und ernst genommen zu werden, während wir uns so zeigen können, wie wir sind. Darum fühlen wir uns wohl mit Menschen, die nicht verurteilen und offen bleiben.

Bindung. Verbindung. Das ist die Basis. Ohne sie ist Entwicklung schwierig, ob individuell oder in der Gesellschaft.

Und genau diese Basis hat Risse bekommen

Jetzt komme ich zu dem Punkt, der in den letzten Jahren passiert ist und der in all den Studien, Büchern und Analysen zum Vertrauensverlust so selten erwähnt wird:

Wir haben kollektiv eine Misstrauens-Erfahrung gemacht: Kontakt meiden müssen, in die Distanz zu gehen, andere Menschen als potenzielle Gefahr wahrnehmen oder selbst als Gefahr wahrgenommen werden.

Kontakt war plötzlich gefährlich. Genauso, die eigene Meinung offen zu vertreten.

Auf der einen Seite die Furcht, die Gesundheit zu verlieren. Auf der anderen die Furcht, die Freiheit zu verlieren. Und dazwischen die Frage: Mit wem kannst du darüber überhaupt noch offen reden?

Und dazwischen: nicht mehr zu wissen, mit wem man noch vertrauensvoll über all das reden kann. Weil alle irgendwie mit im Boot waren. Weil es keine neutrale Zone mehr gab.

Es war nicht mehr klar: An wen kann ich mich halten? Wer hat recht? Was ist die Wahrheit?

Und so haben sich viele von uns zurückgezogen, den Stress der Auseinandersetzung vermieden, Themen umschifft oder ausgeblendet. Manche haben Kontakte abgebrochen. Anderen erlebten es, aktiv „gecancelt“ zu werden oder zumindest sehr unter Druck zu kommen, in der Familie, in Freundschaften, am Arbeitsplatz.

Wenn wir genau hinschauen, ist da etwas sehr Schmerzhaftes passiert.

Die Schweizer Psychoanalytikerin Jeannette Fischer ist eine der wenigen, die das thematisieren. Ich bin sehr dankbar, dass sie auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht hat. Denn plötzlich fügte sich auch für mich etwas zusammen.

Das Vertrauen in Bindung selbst wurde erschüttert.

Es geht nicht nur um das Vertrauen in Institutionen, Experten oder Politik, sondern vor allem darum, ob die Verbindung zu anderen Menschen trägt. Um diese Grundkonstante in unserem Leben. Das Grundbedürfnis, zugehörig und anerkannt zu sein. Das Gefühl, verbunden zu bleiben, auch wenn wir uns zeigen, auch wenn wir eine andere Wahrnehmung, andere Bedürfnisse und Ziele haben.

Aus meiner Sicht ist diese Erschütterung nicht richtig geheilt. Allenfalls oberflächlich. Sie ist mitverantwortlich für das, was wir jetzt erleben.

Warum kaum jemand darüber spricht

Das alles ist schmerzhaft. Also tun wir, was wir mit schwierigen Erfahrungen immer tun: verdrängen, abwehren.

Das ist kein Vorwurf. Das ist zutiefst menschlich.

Wie tun wir das? Psychologisch gesehen durch klassische Abwehrmechanismen: Wir unterdrücken, blenden aus, suchen rationale Rechtfertigungen. Oder wir schreiben anderen die Schuld zu, beschönigen im Nachhinein, suchen Halt in Autoritäten. Wir tragen ein emotionales Paket mit uns herum und spüren den Schmerz dahinter nicht mehr

Aber er ist trotzdem da.

Und weil die Dinge nach Ausdruck drängen, kommen sie an ungeeigneten Stellen hervor: in den sozialen Medien, wo du – anonym – ordentlich vom Leder ziehen kannst. Im Privaten. In einer Gereiztheit, die du selbst nicht recht einordnen kannst.

Das entspricht auch dem, was ich in meiner Arbeit als Mediatorin immer wieder erlebe: Die Menschen streiten über Sachthemen, aber darunter liegt immer etwas ganz anderes: schwierige Emotionen und Beziehungsthemen. Und bevor diese nicht angeschaut werden, kommt man in der Sache nicht weiter.

Warum auch die Experten schweigen

In all den schlauen Werken, Studien und Analysen zum Vertrauensverlust wird auf dieses Thema kaum eingegangen, verständlich.

Denn alle waren Teil des Ganzen. Wissenschaftler, Autoren, Experten, Journalisten – niemand steht außerhalb, niemand kann mit neutralem Blick von außen draufschauen. Vielleicht ist es auch für sie zu nah und zu schmerzhaft. Vielleicht haben auch sie Angst vor den sozialen Kosten, die es haben könnte, dieses Thema wirklich anzufassen.

Ich merke es sogar an mir selbst, während ich diesen Text schreibe. Da ist ein Teil in mir, der lieber nicht damit herausgehen möchte. Der unter dem Radar bleiben will. Der sich fragt: Muss ich das veröffentlichen?

Auch ich muss mich etwas überwinden – und mein Selbstvertrauen aktivieren, aber dazu gleich mehr – um meine Gedanken zu diesem Punkt zu äußern. Gerade weil das Thema so sensibel ist, weil es so viele kontroverse Meinungen dazu gibt und ich nicht weiß, wie Menschen reagieren werden.

Und genau das zeigt, wie tief das Thema sitzt.

Und so bleibt der Elefant im Raum.

Wir analysieren die Symptome, diskutieren über Algorithmen und Filterblasen, beklagen die Polarisierung. Aber den eigentlichen Schmerz benennen wir nicht.

Der Preis des Schweigens

Was passiert, wenn wir nicht hinschauen?

Wir können so tun, als wäre das alles nicht so schlimm. Nach vorne schauen, positiv denken, weiter in der Tagesordnung. Das funktioniert, eine Weile zumindest. Aber es hat einen Preis.

Wenn wir nicht fühlen wollen, führt das zu einer ständigen diffusen Unzufriedenheit und Ärger. Es entwickelt sich eine Art Taubheit, weil wir irgendwann aufhören müssen zu fühlen, wenn der Schmerz zu groß wird. So verlieren wir unseren inneren Kompass.

Und dann werden wir anfällig.

Anfällig für Heilsversprechen aller Art, für Autoritäten und Experten, die Lösungen versprechen – ob aus der Wissenschaft oder aus alternativen Ansätzen. Wir suchen immer jemanden, der es schon wissen wird, uns sagt, was richtig ist, uns die Verantwortung abnimmt Letztlich ist das eine Form der Unmündigkeit. Und dann sind wir leicht zu lenken und zu leiten, und merken das nicht einmal.

Es gibt viele neue Problemlagen. Vieles, was in der Welt passiert, das wir lange nicht kannten. Die Klimakrise, die Kriege, die Unsicherheit. Und genau darum brauchen wir die Fähigkeit, auch über Schwieriges im Gespräch bleiben zu können.

Darum noch einmal: Ich glaube, dass ein Teil der schlechten Stimmung, des mangelnden Vertrauens und des gesellschaftlichen Unmuts der unverarbeiteten Erfahrung der letzten fünf Jahre geschuldet ist.

Und es ist verständlich und nachvollziehbar, wenn du bedenkst, wie tief uns das getroffen hat. Aber Verständnis allein reicht nicht.

Veränderung passiert nur, wenn wir ehrlich mit uns sind.

Was jetzt zu tun ist

Die gute Nachricht: Vertrauen lässt sich zurückgewinnen. Auch nach tiefen Erschütterungen.

Der Wunsch und die Bereitschaft sind da. Das ist auch jetzt jedes Mal spürbar in Situationen, wo Menschen die Sicherheit haben, sich vertrauensvoll öffnen zu können.

Die andere Nachricht: Es geht nicht mit Appellen, wie wichtig Vertrauen doch ist. Nicht, indem wir wieder anfangen, auf Gemeinschaftlichkeit zu setzen und ein neues WIR beschwören. Das ist Makulatur – und sollte erst recht misstrauisch machen.

Denn Vertrauen braucht als allererstes Selbstvertrauen. Sonst wird es naiv und vertrauensselig. Und dann entsteht keine Vertrauensbeziehung mehr, sondern eine Art Abhängigkeit mit ungesunden Hierarchien.

Es kann manchmal gute Gründe geben, NICHT zu vertrauen – Gründe, die mit Selbstfürsorge und Integrität zu tun haben.

Vertrauen kann man nicht machen.
Vertrauen stellt sich ein, wenn man weiß, wer man eigentlich wirklich ist.

– Raymond Unger

Darum führt der Weg zurück über etwas anderes. Darüber Vertrauen in sich selbst – Selbst-Vertrauen – wiederzugewinnen. Weil das die Basis ist für gesunde und erwachsene zwischenmenschliche Bindung, innerhalb welcher Auseinandersetzung und Reibung möglich sind.

Das Gute: für diesen Weg kann sich jede und jeder verantwortlich entscheiden.

Selbst-Vertrauen wiedergewinnen

Schritt 1: Anerkennen und eingestehen

Zunächst müssen wir anerkennen, dass uns da etwas sehr Wichtiges verloren gegangen ist. Dass etwas Essenzielles – in und zwischen uns – beschädigt wurde.

Ohne dieses Anerkennen – ohne diese Erfahrung an uns heranzulassen – kommen wir nicht weiter.

Wir können nicht heilen, was wir nicht benennen.

Und das ist schwer. Denn es bedeutet, innezuhalten. Nicht weiterzumachen wie gewohnt. Nicht so zu tun, als wäre alles okay, nur weil an der Oberfläche alles funktioniert.

War das nicht immer so, zu allen Zeiten? Dass wir nach Krisen und schwierigen Erfahrungen die Ärmel aufgekrempelt und nach vorne geblickt haben, statt zu verarbeiten, was gewesen ist?

Das ist alles menschlich und emotional sehr verständlich. Aber es hilft nichts, denn wenn wir nicht hinschauen, trägt es sich weiter. Der unverarbeitete Schmerz, die Verletzungen, das Misstrauen – all das bleibt. Alles Unverarbeitete sucht sich seine Wege, bis es verstanden wird. Manchmal sogar erst in der nächsten Generation.

Schritt 2: Zurück zum Ursprung

Es geht darum, dorthin zurückzugehen, wo die Beschädigung entstanden ist. Sie zu benennen, zu fühlen und auszuhalten.

Das klingt dramatisch. Aber es meint etwas sehr Konkretes:

Sich selbst ehrlich zu beantworten:

  • Was habe ich in den letzten Jahren erlebt?
  • Was hat es mit mir gemacht?
  • Wo habe ich mich verletzt gefühlt – und habe das vielleicht nie ausgesprochen?
  • Wo habe ich geschwiegen, obwohl ich etwas sagen wollte?
  • Wo habe ich Verbindungen abgebrochen, die mir wichtig waren – aus Angst, aus Überforderung, aus Selbstschutz?
  • Wo habe ich andere verurteilt? Wo wurde ich selbst verurteilt?
  • Wo habe ich mich nicht so verhalten, wie ich es von mir denken würde – aus Angst, aus Stress, aus Unwissenheit?

Das sind keine angenehmen Fragen. Aber sie sind wichtig.

Denn in diesen Fragen liegt der Ursprung dessen, was heute noch latent unsere Beziehungen beeinflusst: Groll, Vorsicht und Distanz.

Schritt 3: Gefühle durcharbeiten

In den Schmerz zurückgehen bedeutet nicht, sich darin zu verlieren oder den Schmerz festzuhalten.

Es bedeutet: dem Raum zu geben, was da ist. Und das durchzuarbeiten.

Vielleicht ist es Trauer über verlorene Verbindungen und verlorenes Vertrauen. Vielleicht Wut über das, was passiert ist, über das, was du erlebt hast oder wie du behandelt wurdest. Vielleicht auch Scham über die eigenen Anteile.

All das darf da sein.

Und es braucht genau das, was die Bindungsforschung beschreibt: gesehen und gehalten werden. Vielleicht im Gespräch mit jemandem, dem du vertraust. Vielleicht in der Therapie. Oder auch erstmal nur für dich selbst, indem du dir erlaubst, ehrlich zu sein mit dem, was war.

Schritt 4: Verantwortung übernehmen

Verantwortung übernehmen heißt nicht, dir oder anderen die Schuld zu geben für das, was war. Was auch wiederum nicht bedeutet, reale Verantwortlichkeiten zu ignorieren – aber das wäre ein Thema für sich.

Hier meine ich damit, Verantwortung dafür zu übernehmen, dein eigenes Selbstvertrauen zu regulieren und zu bewahren.

Und das ist nicht einfach.

Denn wenn du mit Selbstvertrauen raus in die Welt gehst, kommst du unweigerlich in Reibung mit deiner Umgebung. Du wirst nicht jedem gefallen. Du wirst anecken. Menschen werden anderer Meinung sein, dich ablehnen, irritiert reagieren. Das ist nicht angenehm. Aber es ist unvermeidlich.

Denn echtes Selbstvertrauen bedeutet: Ich traue mir zu, ich selbst zu sein, auch wenn das unbequem wird, Auseinandersetzung bedeutet und wir nicht wissen, wie es ausgeht.

Darauf zu vertrauen, dass genau diese Auseinandersetzung in der Bindung möglich ist und die Verbindung hält – auch wenn es schwierig wird. Die Einheit des anderen zu akzeptieren, auch wenn es diametral entgegensetzt zu meinen Überzeugungen steht. Und auf dieser Basis, in der Reibung, in Verbindung bleiben.

Das ist Verantwortung: nicht perfekt sein, nicht alles richtig machen – sondern sich selbst treu bleiben und von dieser Basis aus in Kontakt treten. Echte Bindung hält das aus.

Der Anfang liegt bei uns

Vertrauen lässt sich wieder aufbauen. Es dauert. Es verläuft nicht geradlinig. Und ja, manchmal tut es weh. Aber es lohnt sich.

Denn was ist die Alternative? Weitermachen wie bisher, in diffusem Groll, in Vorsicht, in dieser inneren Zurückhaltung, die uns spürbar voneinander trennt.

Oder wir entscheiden uns anders: Hinschauen. Anerkennen, was war, fühlen, was noch da ist, und Verantwortung übernehmen für den eigenen Anteil. Und von dort aus – Schritt für Schritt – das Vertrauen zurückgewinnen. Erst in uns selbst. Dann in der Verbindung zu anderen.

Wir brauchen auch gesellschaftliche Veränderungen. Politische Aufarbeitung. Institutionelle Verantwortung. Das eine schließt das andere nicht aus. Eine gesunde Gesellschaft beginnt auch bei den Einzelnen. Was in uns ist, wirkt nach außen.

Das heißt nicht, dass alles an uns hängt. Aber es heißt: Wir können anfangen. Heute. Mit einer dieser Fragen, einem ehrlichen Gespräch, einem Moment des Innehaltens.

Vielleicht merkst du dann: Du bist nicht allein mit dem, was du spürst.

Und vielleicht reicht genau das für den Anfang.

Wenn dich dieser Artikel berührt hat – ob zustimmend, zweifelnd oder fragend, schreib mir gerne. Ich lese jede E-Mail und antworte auch.

Weiterlesen

https://kerstin-pletzer.de/vertrauensbruch-so-gewinnst-du-boden-unter-den-fuessen/

https://kerstin-pletzer.de/urvertrauen-verstehen-und-wiedergewinnen/

https://kerstin-pletzer.de/tipps-schwierige-gespraeche/


Tipp

Wenn dich die Sichtweisen der Schweizer Psychoanalytikerin Jeanette Fischer interessieren, google einfach einmal ihren Namen. Du findest im Netz viele interessante Videos und Artikel zu den Themen: Narzissmus, Bindung, Gewalt, Macht, Ohnmacht, Konflikt.


Bildnachweis

Titel: Broken Glass Wallpaper by the happiest face =) from Pexels@canva 

Kind an der Hand: by Aflo Images from アフロ(Aflo@canva


Kerstin Pletzer

Konfliktcoach, Mediatorin & Supervisorin
Ich bin Kerstin, Jahrgang 1960, und beschäftige mich damit, Gespräche wieder möglich zu machen: über Belastendes, Übersehenes, Verdrängtes. Mich interessiert jedes Gesprächsformat – tiefgründig, alltäglich oder herausfordernd, am Küchentisch, unterwegs oder mitten im Arbeitsalltag. Für mich gehört ein gutes Gespräch zu den stärksten menschlichen Erfahrungen. Hier schreibe ich über das, was dabei hilft, Verständigung herzustellen und Verbindung zu halten.

2 Kommentare

  1. Leon

    Guten Tag
    Betrug und Lüge ist das Zentral Element unseres Kapitalismus. Auch unser Christlicher und Moralischer Unterbau ist nichts anders. Manipulation, Lüge, Machtmissbrauch, Das war in der Geschichte der Menschheit immer schon so.
    Wir fühlen uns Betrogen wenn der Partner seelische oder Körperlich zuwendung von anderen Bekommen hat. So als gäbe es en Reicht an dem anderen. Ja wir lassen uns Scheiden, wenn der andere „Fremd“ gegangen ist. Wir verwechseln Vertrauen mit Besitz.
    Vertrauen bedeutet, das andere Menschen ihre Beweggründe offen legen, das sie mit sich offen sind. Das heißt auch das wir es aushalten müssen, nicht so zu sein wie die anderen uns gern hätten, und auch aushalten zu Müssen, das wir nicht mal so sind wie wir selbst gern wären. Vertrauen ist nicht erst Seit Corona angeschlagen, Corona brachte nur die Egozentrik zu Tage, Ich will alles haben aber keine Gegenleistung erbringen, die Verletzlichkeit anderer Menschen ist mir Egal.
    Ein Grundsatz Problem großer Gesellschaften, den wenn ich jemanden Persönlich nicht kenne, gibts auch kein Mitgefühl und Berührtheiten.
    Gesellschaftstruktur, Politik, Wirtschaftsysteme, Machtpositionen, bassieren immer noch auf einer Psychischen Grundfehleinschätzung MANGEL.
    Der Kapitalismus ist der Motor. Konsum die Religion. Beides nur in dem Masse von heute so Möglich über die Lüge. Keine Dienstleistung oder Produkt, oder Populistische Idee usw hält was sie Verspricht. Die Lüge ist der Schlüssel zur Ausbeutung aller.
    Wenn wir also von schwindenen Vertrauen Sprechen bleibt einem nichts anderes Übrig als sich unsere Lebensprinzipien anzusehen.
    Die Welt ist „EIGENTLICH“ wie ein Cassino. Wer nicht reizt, pokert, blöft, verliert. Eine weitere Fehleinschätzung ist, Bedingungslosigkeit in der Liebe, Bedürfnisslosigkeit. Jede Struktur ob in unserem Sinne Lebendig oder nicht, unterliegt Bedürfnissen und Bedingungen. Es gibt keine Bedingungslosigkeit werden in der Liebe, oder zu sich oder anderen, oder auch zum Leben und SEIN selbst. Wir reden von Vertrauen und meinen aber passe deine Bedürfnisse bitteschön so an, das sie MIR passen.
    Also Vertrauen, Selbstwertschätzung sind schwierige Themen. Trotz aller Widrigkeit und guter und wichtiger Punkt, sich über bestimmt Dinge sich Gedanken zu machen.

    Antworten
    • Kerstin Pletzer

      Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, das Thema unter einer strukturkritischen Perspektive zu beleuchten und damit eine Ebene einzubringen, die im Artikel selbst zu kurz kommt.
      Sie haben vollkommen recht: Die Vertrauenskrise ist nicht erst mit Corona entstanden. Und sie ist nicht allein durch individuelle Verarbeitung zu lösen. Das ist ein wichtiger Punkt, den Sie da in den Fokus rücken. Tatsächlich neigen wir in unserer Gesellschaft dazu, systemische Probleme zu individualisieren – und damit die Verantwortung für strukturelle Missstände bei den Einzelnen abzuladen. „Arbeite an dir selbst, dann wird’s schon“ – während die Strukturen bleiben, wie sie sind.
      Ihre Beschreibung der verkappten Anpassungsforderungen beim Thema Vertrauen („Passe deine Bedürfnisse so an, dass sie MIR passen“) trifft einen wunden Punkt. Das ist eine Form von Herrschaft, die sich als Beziehung tarnt. Und Sie benennen zu Recht, dass Kapitalismus und Ausbeutung, Lüge und Manipulation systemisch verankert sind – nicht nur persönliche Verfehlungen.
      Gleichzeitig glaube ich, dass sich individuelle und strukturelle Ebene nicht ausschließen müssen. Beides wirkt ineinander. Systeme bestehen aus Menschen – und Menschen reproduzieren Systeme. Oder sie tun es eben nicht. Der Anfang kann bei beiden Enden liegen.
      Mein Artikel setzt beim Individuellen an, weil das der Hebel ist, den ich als Mediatorin und Coach in der Hand habe. Aber Sie erinnern daran, dass das nicht reicht. Und das stimmt. Danke dafür.
      Herzliche Grüße
      Kerstin Pletzer

      Antworten

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