Ein Krankenhaus. Zwei Fenster. Zwei Gestalten in verschiedenen Zimmern liegend, beide von Kopf bis Fuß vergipst und verbunden. Aus den Verbänden heraus schallt es abwechselnd  „ROT!!! “  – „GRÜN!!!“ – „ROOOT!!! – „GRÜÜÜN!!!“  Was ist passiert? Ein Streit, eine Konflikteskalation, wie sie im Buche steht und aus der beide trotz erheblicher Blessuren nicht mehr herauskommen.

Am Anfang sprechen beide noch ganz harmlos über einen Pullover. Dann stellt sich heraus, der eine findet, er ist rot, der andere, er ist grün. So geht es hin und her. „Rot!“. „Nein, Grün!“ Dann kommt mehr Nachdruck und Lautstärke in die Sache. Irgendwann schreien sich die beiden an.

Sie geraten außer sich. Es fliegt der erste Schuh. Dinge gehen zu Bruch. Nach den verbalen kommen körperliche Attacken. Selbst im Krankenhausbett können sie nicht aufhören.

Dieses ist einer meiner Lieblingscartoons des französischen Karikaturisten Sempé. Er zeigt mit genialem Blick, viel Humor und Augenzwinkern die typische Dynamik einer im wahren Leben meist weniger lustigen Sache: Eines zwischenmenschlichen Konfliktes, in dem beide in eine Konfliktspirale geraten und nicht mehr herausfinden. Kein Wunder, dass man sich mit diesem Thema nicht gern beschäftigt. Oder nur dann, wenn es unumgänglich ist. Denn Konflikte erzeugen Stress und können tatsächlich einigen Schaden anrichten. Dabei ist nie der Konflikt selbst das Problem, sondern unser Umgang damit. Und daran können wir etwas tun.

Aber zunächst ein paar Fakten.

#1 Warum Konflikte eskalieren

Wer kennt es nicht aus dem eigenen Leben: Ans Meer fahren oder in die Berge? Fenster öffnen oder schließen? Die Sache war so oder so … Ob im persönlichen Leben oder im Beruf: Unser Beziehungsleben ist voller unterschiedlicher Sichtweisen und Bedürfnisse. Immer wieder müssen wir einen Umgang mit unseren Verschiedenheiten finden. Solange wir das schaffen, haben wir zwar ein Problem, aber noch keinen Konflikt.

Einen Konflikt haben wir nach dem bekannten Konfliktforscher Fritz Glasl, wenn in einer Beziehung mindestens eine Person eine Unvereinbarkeit, in dem wie beide fühlen, wollen und handeln, erlebt, und sie sich dadurch in der Realisierung ihrer Interessen beeinträchtigt fühlt.

Er eskaliert, wenn immer mehr Vorwürfe und Spitzen fallen, die Lautstärke und das Redetempo steigen, keiner mehr zuhört,  jeder nur noch eine Lücke sucht, um die eigene Sicht hinauszuschleudern oder beide sich nur noch in eisigem Schweigen begegnen (was eher in chronischen Konflikten passiert).

Die volle Eskalationsstufe ist erreicht, wenn Schaden an Gegenständen und an der anderen Person in Kauf genommen, ja gewollt wird, und schließlich sogar der eigene Schaden egal ist.

Es ist eine sich immer weiter verschärfende Dynamik, ein Sog, aus dem man schwer wieder heraus kommt. Obwohl zum Schluss alle dabei verlieren

Am Anfang eines Konflikts verfolgt jeder noch sein persönliches Ziel.

Im Weiteren geht es um das Recht-Haben-Wollen.

Dann um das Siegen-Wollen.

Zuletzt um das Schaden-Wollen.

Extrem?

Nein, das ist manchmal sogar ganz normaler Alltag. Denken Sie nur an die typischen Paar-Streitigkeiten bei einer Autofahrt. Wie schnell kommt es da zu einem Satz wie:

Wenn Du jetzt nicht aufhörst, dann fahre ich vor einen Baum!“

Man kann nur hoffen, dass das Gegenüber in einer solchen Situation schnell wach wird und vernünftig und deeskalierend reagiert  …  aber dazu später.

#2 Im Konflikt können wir uns schwer stoppen

Wir sind mitgerissen, weil es um Beziehungen und um Emotionen geht. Und weil Gefühle schneller sind als das rationale vernünftige Denken.

Schauen wir uns das kurz an.

Konflikte spielen sich immer auf der Beziehungsebene ab – auch bei Sachthemen. Bei Konflikten schwingen immer die Fragen mit: „Wie fühle ich mich vom anderen behandelt? Wollen wir noch miteinander?“ Hier sind alle Menschen empfindlich und verletzlich. Wir wollen uns in Beziehungen sicher, akzeptiert und respektiert fühlen. Dann kann man sich (fast) alles sagen. Gibt es diese Sicherheit nicht oder gerät sie ins Wanken, kann das archaische Ängste auslösen.

Woran liegt das?

#3 Die Menschheitsgeschichte steckt uns allen in den Zellen

Gelingende Beziehungen zu anderen Menschen waren immer überlebensnotwendig. Aus einer Gruppe ausgestoßen zu werden war Jahrtausende lang der sichere Tod. Menschliche Feinde innerhalb und außerhalb der Gruppe waren es unter Umständen auch. Viele unserer kommunikativen Fähigkeiten entwickelten sich aus der Notwendigkeit heraus, unsere Beziehungen zwischen Autonomie und Anpassung zu balancieren.

Darum reagieren wir auch heute noch in sozialen Beziehungen auf feinste Anzeichen von Spannung mit inneren Verhaltensprogrammen, die unser Überleben gesichert haben: Kampf, Flucht oder Erstarrung.  In Körper und Geist wird reflexartig alles auf das Überleben ausgerichtet. Die Ausschüttung von Stresshormonen, Herzklopfen, Erhöhung von Blutdruck und Muskelspannung liefern allerhöchste Aufmerksamkeit und Fokussierung, Reaktionsschnelligkeit und Muskelkraft, um kämpfen oder fliehen zu können. Wenn das nicht mehr möglich ist, ein völliges Erschlaffen. Das simuliert dem Feind „tot“, und beinhaltet immer noch die kleine Chance, nicht mehr interessant zu sein, als Aas angesehen und nicht gefressen zu werden.

Dementsprechend bekommen wir, wenn diese Überlebensprogramme in sozialen Konflikten anspringen, auch heute noch einen Tunnelblick, nehmen nur noch sehr fokussiert und punktuell wahr. Klares Denken fällt schwer. Manche Teile im Gehirn werden im Konflikt regelrecht ausgeschaltet. Wir sehen nicht mehr links und nicht mehr rechts. Oder fühlen uns wie gelähmt.

Je schwieriger und bedrohlicher wir die Situation erleben, desto eher greifen auf diese Programme zurück. Wir rauschen in Sekundenschnelle mit unserem eigenen Fahrstuhl in den Überlebensmodus. Und merken das nicht einmal mehr. Oder es ist uns egal.

Was genau wir als bedrohlich empfinden, hängt von unseren Vorerfahrungen und der Gesamtsituation ab. Denn Themen erwischen uns völlig unterschiedlich. Immer dann, wenn unverarbeitete Erfahrungen wachgerufen werden, wenn es empfindliche, ungelöste Themen gibt, oder wenn wir gerade sehr gestresst aus ganz anderen Gründen sind, können die Notprogramme anspringen.

#4 Konfliktverhalten ist gelernt

In vieler Hinsicht sind Konfliktmuster auch Gewohnheitsmuster. Konflikte sind ja nicht immer sofort lebensbedrohlich. Es geht oft erst einmal nur um Ärger oder Irritationen. Oder darum sich zu behaupten, Nein zu sagen, oder die Beziehung erhalten zu wollen. Verhalten, das wir von klein an aufgrund von Erfahrungen lernen und dabei bestimmte Gewohnheiten und Verhaltensreflexe ausbilden. Eine große Rolle spielen dabei – wie immer in der Kommunikation – unsere wichtigsten Bezugspersonen und wie diese sich in solchen Situationen verhalten haben.

Wie war es bei Ihnen?  Wie wurden in Ihrer Familie Konflikte ausgetragen und gelöst? Ging es hoch her? Gehörte es dazu, sich ausdrucksstark und temperamentvoll zu äußern? Den Gefühlen freien Lauf zu lassen? Musste es manchmal knallen, damit die Dinge wieder in Ordnung kamen oder bedeutete das eher Stress? War Harmonie sehr wichtig? Wurden Wogen schnell wieder geglättet und wurde eingelenkt, um der Beziehung willen? Oder wurden Konflikte vielleicht einfach nur ignoriert und ausgesessen?

Wie auch immer: Konfliktstile, die wir durch unsere Vorbilder entwickeln, sind Muster, die tief im Gehirn, im limbischen System, verankert sind. Wir erleben bestimmte Handlungsweisen auf Probleme als erfolgreich. Wir lernen, übernehmen und wiederholen sie. Damit bilden sich Verhaltensroutinen aus, die bei bestimmten Auslösern blitzartig abgespult werden.

Sie sind unsere Formen von Problemlösung. Sie passen aber nicht immer, nicht mit jedem Menschen und nicht in jeder Situation. Unterschiedliche Konfliktstile können zur Eskalation beitragen. Wenn zum Beispiel ein harmoniebedürftiger und ein kämpferischer Mensch aufeinandertreffen, könnte der Lösungsstil des einen jeweils vom anderen als konfliktverschärfend verstanden werden.

Daher ist es hilfreich seinen eigenen Stil zu kennen, um auch bewusst anders handeln zu können.
(Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, holen Sie sich hier meinen Konflikttest https://kerstin-pletzer.de/konflikttest/ ).

#5 Deeskalieren durch Selbststeuerung

Jetzt die gute Nachricht: Es gibt diese Muster, aber wir sind ihnen nicht ausgeliefert.

Wir sind keine Reiz-Reaktions-Automaten!

Neben unseren Überlebens- und Gewohnheitsprogrammen haben wir auch Bereiche im Gehirn, die diese Reflexe und Muster wiederum kontrollieren können.

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit. – Viktor Frankl

Der Neurobiologe Joachim Bauer hat in seinem Buch „Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens“ zwei grundsätzliche Systeme in unserem Gehirn beschrieben: zum einen das sogenannte Triebsystem, in dem unter anderem die Angst- und Stressreaktionen und Automatismen verankert sind, welches „bottom-up“ unser Verhalten steuert. Und das Aufbausystem, welches im Stirnhirn oder Präfrontalen Cortex beheimatet ist, und das „Top-down“, unser Triebsystem kontrollieren kann.

Letzteres ermöglicht uns in einer aktuellen Situation:

  1. Mit der Aufmerksamkeit bei einem Thema zu bleiben und gleichzeitig noch andere relevante Aspekte zu vergegenwärtigen. Gleichzeitig reden, fühlen und wahrzunehmen zu können, was um uns herum passiert.
  2. Die Perspektive unseres Gegenübers einzunehmen. „B scheint wütend, weil ….“
  3. Regeln und Muster in dem Ganzen zu erkennen. „Wir schaukeln uns schon wieder hoch.“
  4. Flexibel zwischen Mustern zu wechseln. „Ich will das nicht. Stopp!“

Es handelt sich um Fähigkeiten wie Selbstwahrnehmung, Empathie, Reflexion, Selbstkontrolle. Sie ermöglichen es, im Kontakt mit anderen Menschen achtsam und bewusst zu bleiben, innehalten zu können, sich selbst und die eigenen Gefühle wahrzunehmen , die anderen in ihren Gefühlen und Gedanken wahrzunehmen und diese zurück spiegeln zu können. Und sich bewusst entscheiden zu können, wie der nächste Schritt sein soll. Erst dann sind Lösungen möglich

Im Konfliktfall ist es dieser Dreischritt, der deeskalierend wirkt:

#6 Dreischritt

  1. Innehalten (Stopp, Atmen)
  2. Klären (Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken, Situation)
  3. Bewusst entscheiden (Was ist ein sinnvoller nächster Schritt? Empathisch und wertschätzend einen Vorschlag machen)

Am besten übt man das so oft wie möglich im Alltag, außerhalb von Konfliksituationen. Das  „Use it or lose it‘-Prinzip gilt auch für diesen Aspekt sozialer Fähigkeiten.

Wie kann man das üben oder lernen?

Jede zwischenmenschliche Situation mit der Familie, dem Partner, am Arbeitsplatz ist geeignet. Oder, noch besser, Sie bauen sich selbst ein kleines Training in den Alltag ein.
Folgende unkomplizierte Übung, die ich in einem Achtsamkeitstraining kennengelernt habe, können Sie einmal ausprobieren:

30 Sekunden-Übung für den Alltag

Diese Übung gibt Ihnen nicht nur Souveränität und Geistesgegenwart im Konfliktfall. Sie sorgt nebenbei  auch für kleine Ruhepunkte und mehr Bewusstsein und Fokus im hektischen, ablenkungsreichen Tagesgeschehen.

Wählen Sie sich bestimmtes Geräusch, das voraussichtlich am Tag ein paar Mal überaschend auftaucht (Telefon, Benachrichtigungen, Klingel, Kirchenglocken etc.).  Alternativ Sie können sich auch mit dem Smartphone ein bis drei „Wecker“ am Tag einstellen.
Jedes Mal, wenn das Geräusch oder Signal ertönt, halten Sie einen Moment inne, atmen Sie dreimal bewusst aus, nehmen Sie wahr, was gerade ist, und gehen Sie dann wieder bewusst zu dem, was Sie machen wollen.
Das Ganze dauert nicht mehr als ca. 30 Sekunden. Für einen nachhaltigen Effekt wäre es gut, vier Wochen zu trainieren.

Probieren Sie es aus!

Schauen wir uns jetzt noch einmal die beiden Streithähne vom Beginn an.

Zur Erinnerung: A und B streiten über die Farbe eines Pullovers. Rot … blau …. ROT ….. BLAU …. Schreien, Kämpfen, Attacken. Wenn bei einem von beiden, sagen wir A, ein ‚Top-down‘ Prozess in Gang käme, würde sich die Situation vielleicht so entwickeln:

Zack. Ein Schuh hat A  getroffen. Geworfen von B.  A wacht aus seinem Wut-Tunnel auf und hält inne.  Er atmet ein paar Mal bewusst und laut aus. Er spürt nach innen, merkt wie seine Stirn verkrampft ist, wie innerlich alles zusammen gezogen und heiß ist, und wie wütend er auf B ist. Am liebsten würde er den Schuh zurück pfeffern, er spürt den Sog,  weiterfighten zu wollen, tut es aber nicht. Atmet einfach weiter
Auch B hat inzwischen angehalten, vernehmlich ausgeatmet und wartet ab.
A wird klar, dass es so keinen Sinn macht, nur schlimmer wird. Er setzt sich auf einen Stuhl und sagt zu B:  „Hör mal, ich kann nicht mehr im Moment. Ich möchte mich nicht drücken, aber ich glaube, wir verhaken uns gerade immer mehr. So bekommen wir das nicht gelöst.  Was hältst du davon, wenn wir hier einen Schnitt machen und das Ganze vertagen? Mir ist auf jeden Fall an einer Klärung gelegen. Wir können uns in der Zwischenzeit beide Gedanken machen und mit kühlerem Kopf nochmal drüber sprechen.“
B reagiert erst unwirsch, willigt dann aber aufgrund der im wahrsten Sinne  „entwaffnenden“ Worte in den Vorschlag ein.
Später in ruhiger Atmosphäre und mit der Absicht verstehen zu wollen, kommt dann vielleicht heraus, dass A eine besondere und seltene Form von Farbblindheit hat, die er niemandem bisher  erzählt hatte. B wiederum wird klar, dass er schon länger einen Ärger gegen A  mit sich herum trägt, der die Situation dann befeuert hat…. etc.

Noch einmal zusammengefasst:

  1. Wir können nicht verhindern, dass Konflikte im Leben entstehen, weil wir alle verschieden sind.
  2. Das Problem ist nicht der Konflikt selbst, er weist nur auf ein Thema hin, um das wir uns kümmern müssen. Das Problem ist unser Umgang damit.
  3. Konflikte aktivieren unsere inneren automatischen Notprogramme.
  4. Wir verfügen aber auch über ein System, diese Notprogramme zu kontrollieren. Fähigkeiten wie Selbstwahrnehmung, Empathie, Reflexion.
  5. Ein Weg ist, uns unserer inneren Impulse bewusst zu werden, sie ernst zu nehmen und zu verstehen, und unserem Gegenüber die gleiche Haltung entgegenzubringen.
  6. Deeskalation und Lösungen werden möglich durch den Dreischritt:  Innehalten –  Klären –  Wechseln
  7. Jeder Konflikt ist ein Entwicklungsturbo für unsere sozialen und kommunikativen Fähigkeiten.

 

Jetzt interessiert mich: Was sind Ihre Erfahrungen? Wie gehen Sie mit  Eskalationen um?
Was sind Ihre Formen der Deeskalation?

Teilen Sie es mir gern mit im Kommentar unter diesem Blogartikel.

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Textprobe Konfliktlösung in einem Kinderhaus

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